Mit Hubschraubern flogen sie am Donnerstag in das umkämpfte Kundus ein: Erstmals seit vielen Monaten sind deutsche Soldaten in die Provinzhauptstadt in Nordafghanistan zurückgekehrt. Ihr Besuch hatte einen ernsten Grund. Rund 2.000 Taliban-Kämpfer hatten die Stadt überrannt und eingenommen. Die 34 Spezialisten der Bundeswehr kamen nicht zum Kämpfen. Der kleine Trupp sollte vor allem Informationen über die Lage in Kundus sammeln. Denn in Deutschland – und auch im deutschen Hauptquartier in Nordafghanistan in Masar-i-Scharif – war das Entsetzen groß. Die ganze Provinz Kundus drohte an die Aufständischen zu fallen.

Dort hatte die Bundeswehr 2013 ihr Feldlager geräumt und die "Sicherheitsverantwortung", wie es offiziell hieß, an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. In der vergangenen Woche zeigte sich dann, dass weder Polizei noch Militär in Nordafghanistan in der Lage sind, eine gut organisierte und energische Attacke der Aufständischen zurückzuschlagen. Nicht einmal vorhersehen konnten die überforderten afghanischen Behörden den Angriff, den die Taliban sogar in Sozialen Netzwerken im Internet angekündigt hatten. Sie wurden davon völlig überrascht. Und so eroberten deren Kämpfer binnen weniger Tage Kundus, die Hauptstadt der gleichnamigen Region. "Ausgerechnet Kundus!", klagen viele deutsche Soldaten und auch Politiker nun.

"Kundus steht für schwere Verluste und für harte Kämpfe", sagt Robert Sedlatzek-Müller, der in Afghanistan verletzt und traumatisiert wurde. In seinem Buch Soldatenglück. Mein Leben nach dem Überleben hat er über seine Zeit in Afghanistan geschrieben, über seine Verwundung und auch über seine Hoffnung, dass der deutsche Einsatz dort etwas verbessern würde. "Ich bin verwundet wiedergekommen, ich frage mich, ob es umsonst war, dass ich so viel riskiert habe, dass mein ganzes Leben sich radikal verändert hat durch den Einsatz", sagt Sedlatzek-Müller, der im vergangenen Jahr die Organisation Combat Veterans gegründet hat, in der aktive und ehemalige Soldaten mit Einsatzerfahrung Mitglied sind und sich gegenseitig helfen.


War alles umsonst? Diese Befürchtung beschäftigt nicht nur die Combat Veterans. "Wir stellen uns nun die Frage, ob wir die aktuellen und künftigen Auslandseinsätze noch mittragen und unterstützen können", sagt Sedlatzek-Müller, der als Privatperson mit ZEIT ONLINE gesprochen hat. 

Generation Kundus

So wie der Fallschirmjäger denken wohl viele Soldaten momentan. Experten sprechen bereits von der "Generation Kundus". Die Einsätze dort haben die Armee verändert. Kundus hat dem letzten Bundeswehrangehörigen klargemacht, dass es in seinem Dienst nicht mehr nur um Landesverteidigung geht, dass auch Kampfeinsätze nun dazugehören. Auch die Politik konnte nicht mehr nur vom Bau von Mädchenschulen und Brunnen in Afghanistan sprechen. Erstmals seit ihrer Gründung, erstmals seit 50 Jahren, kämpften ganze Kompanien der Bundeswehr im Ausland am Boden, mit schweren Waffen und mit eigenen Verlusten.

In der Region Kundus erlebte die Bundeswehr die heftigsten Gefechte ihrer Geschichte. Dort starben deutsche Soldaten bei Anschlägen von Selbstmordattentätern und mit Sprengfallen, aber auch bei lang andauernden Schusswechseln wie dem Karfreitag-Gefecht am 2. April 2010: Damals starben bei Charah Darah in der Provinz Kundus drei deutsche Soldaten, acht weitere wurden schwer verletzt.

Kundus war immer ein besonderer Ort für die Bundeswehr. Im Küchengebäude des deutschen Feldlagers in der Nähe des Flughafens war lange Zeit ein Loch in der Wand, das Einschussloch einer Rakete, die nicht explodierte. Gästen aus Deutschland, ob Bundestagsabgeordneten, Wehrbeauftragter oder Medienvertretern, zeigten die Soldaten diese Stelle gern. Sie stand für die Einsatzrealität in Kundus, die lange nicht Krieg heißen durfte und doch genau das war.