"Die Jungen sind frustriert"

"Die neuen Anschläge und der Hass auf beiden Seiten rufen viele unterschiedliche Gefühle in mir hervor. Da sind Angst, Wut und Frust. Ich merke, dass ich in diesen Tagen patriotischer denke und handle als sonst. Das ist die Folge, wenn man ständig Bilder von toten Palästinensern sieht.

Im Moment ist das Leben hier in Nablus fast völlig zum Stillstand gekommen. Wir können uns kaum bewegen, können weder raus noch rein in die Stadt. Die Sicherheitskontrollen rund um die Stadt sind sehr streng, manchmal sind die Checkpoints ganz geschlossen. Deshalb gibt es derzeit kaum Verkehr in der Stadt, keinen Handel mit den umliegenden Ortschaften, die Wirtschaft ist eingebrochen. Oft fällt der Unterricht in den Schulen und an der Universität aus, weil die Lehrer und Professoren nicht in die Stadt kommen.

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Die Älteren versuchen, den Alltag so gut es geht zu meistern und die Politik außen vor zu lassen. Die Jungen aber sind wütend. Viele beteiligen sich an den Streiks in der Stadt. Die sozialen Medien spielen eine große Rolle. Da kursieren Videos von den Kämpfen und Bilder von den Leichen der getöteten Palästinenser. Das facht den Hass an.

Der Rektor unserer Universität mahnt die Studenten zur Zurückhaltung. Er möchte nicht, dass sie nur noch über Politik diskutieren, dass sie auf die Straße gehen und ihr Leben riskieren. Ich finde das richtig. Denn wir brauchen Wissen und Bildung, wir müssen in Ruhe über die Entwicklungen nachdenken. In meinen Songtexten schreibe ich über die jungen Leute, sage ihn, dass sie erst nachdenken sollen, bevor sie Steine werfen. Ich sage ihnen: Lest mehr, schaut auf die Geschichte, versteht diesen Konflikt. Versteht, warum die Lage für die Palästinenser so ist, wie sie ist.

Es ist nicht leicht, Künstler in Palästina zu sein. Die Menschen hier tun sich schwer, Themen oder Stile zu akzeptieren, die neu und anders sind als die Folklore, die sie kennen. Kunst wird in Palästina generell gering geschätzt, weil es so wenig finanzielle Unterstützung gibt und eher nach einer Arbeit gesucht wird, die auch etwas abwirft. Musik gilt als Luxus, den man sich eigentlich nicht leisten kann.

Dabei können Songtexte viele wichtige Fragen stellen. Und wir haben uns viel zu fragen. Wer wir sind, was es heißt, Palästinenser zu sein und hier zu leben, was für eine Gesellschaft wir sein wollen. Oft thematisiere ich auch den Frust, den vor allem die jungen Menschen hier verspüren.

Auch ich bin zunehmend frustriert. So sehr ich den Wunsch habe, mich in meiner Heimat niederzulassen, das Land mit aufzubauen und voranzubringen, so wenig sehe ich eine Zukunft. Warum sollte ich darüber nachdenken, hier eine Familie zu gründen? Welche Perspektive hätten meine Kinder? So sehr ich gegen Gewalt bin, so wenig habe ich gerade in diesen Tagen die Hoffnung, dass es irgendwann eine friedliche Lösung zwischen Israelis und Palästinensern geben wird."