Rechtsrutsch. Man konnte das Wort schon nicht mehr hören. Gebetsmühlenartig wurde es in diesem Wahlkampf wiederholt. Schließlich, Punkt 19 Uhr, die erste nationale Hochrechnung. Die rechtspopulistische SVP ist die große Wahlsiegerin. Wieder einmal. 

Die Partei von Volkstribun Christoph Blocher ist zum fünften Mal seit 1999 die stärkste Partei des Landes. Sie legt zwar nur um 2,7 Prozentpunkte zu. Doch die hochgerechneten 29,4 Prozent wären ein historisches Allzeithoch für eine einzelne Partei in der Schweiz. Und sie entsprächen unterm Strich elf zusätzlichen Sitzen im 200-köpfigen Nationalrat, der großen Parlamentskammer.

Der Wahlsieg verwundert allerdings nur auf den ersten Blick. Zum einen hat die SVP vor vier Jahren fast im selben Stil verloren, wie sie nun zulegen konnte. Das gilt auch für die FDP, die ebenfalls mehr Stimmen erhielt. 2011 verloren beide Parteien nicht nach links, sondern an eine diffuse bürgerliche Mitte. Mitte-Links regiert war das Land lediglich in den Köpfen rechtsbürgerlicher Spin-Doktoren und Journalisten. Diese Mode-Parteien konnten in der vergangenen Legislatur allerdings nur mäßig an Kontur gewinnen. Nun scheint es, als wollten die Schweizer lieber das Original als den Trend. Der Reiz der unverbrauchten Kräfte, er ist dahin.

Zum anderen spielt der SVP die Weltlage in die Karten. Die EU stolpert von einer Krise in die nächste. Das ist ganz nach dem Gusto der Partei, für die alles Böse aus Brüssel kommt. Und erstmals seit dem Kosovo-Krieg von 1999, als Zehntausende Menschen nach Europa und in die Schweiz flüchteten, brennt ein SVP-Kernthema einer breiten Bevölkerung tatsächlich unter den Nägeln: die Asylpolitik.

Anders als Deutschland oder Österreich klopften in den letzten Monaten zwar nicht Hunderttausende von Syrern oder Afghanen in der Schweiz an. Aber die Bilder der Flüchtlinge bewegten auch hierzulande, sie lösten eine große Solidaritätswelle aus. Und sie machten Angst, so sehr, dass sie schließlich den Wahlentscheid beeinflussten – das zeigen erste Online-Nachwahlbefragungen.

Was also bedeutet dieser Wahlausgang? Klar ist, die Schweiz wird kein komplett anderes Land sein. Sie war und ist und bleibt: durch und durch bürgerlich.

Wie hält es das Land mit Europa?

Das nach rechts gerückte Parlament wird sich die Energiewende vornehmen. Ebenso werden die beiden Parteien versuchen, das Rentensystem nach ihren Vorstellung zu reformieren. Ob sie damit in einer Volksabstimmung durchkommen? On verra, wie es auf Französisch heißt - wir werden sehen. Ändern könnte sich auch die Zusammensetzung der Regierung. Bei den Bundesratswahlen Anfang Dezember will die SVP einen zweiten Sitz in der Regierung.   

Ihren Sitz dafür abgeben müsste Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf von der Mitte-Partei BDP. Ob die erstarkten Rechtsbürgerlichen aber tatsächlich eine Mehrheit der National- und Ständeräte dafür gewinnen können, ist noch unsicher. Für die 46 Sitze im Ständerat, der kleinen Kammer, kommt es in zahlreichen Kantonen zu einem zweiten Wahlgang.

In der wichtigsten Frage der kommenden Legislatur liegen die beiden Wahlgewinner von diesem Sonntag meilenweit auseinander. Wie hält es das Land mit Europa? Die SVP will das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU neu verhandeln, um die Zuwanderung in die Schweiz zu drosseln. Sprich: das Abkommen aufkündigen. Für die FDP hingegen sind die bilateralen Verträge mit der EU unverzichtbar.

Die Prognose sei gewagt: In ein paar Monaten nur, werden sich die Wahlsieger von heute nicht mehr in den Armen, sondern in den Haaren liegen.