Bei den Türken zieht Europa wieder

Wenn Angela Merkel am Sonntag nach Istanbul kommt, würde sie in den Cafés und Teestuben der türkischen Metropole wahrscheinlich herzlicher aufgenommen als beim offiziellen Besuchsprogramm, bei Premier und Präsident. Zumindest könnte sie in Vierteln wie Beyoğlu, Beşiktaş oder Şişli auf Menschen treffen, die mit ihr, Deutschland und der EU, Hoffnung verbinden. Ihre Gespräche mit Regierungschef Ahmet Davutoğlu und Präsident Recep Tayyip Erdoğan dagegen werden wohl eher vorsichtig verlaufen. Getrieben nicht von Hoffnungen, sondern von nüchternen Nutzenkalkulationen.

Die deutsche Kanzlerin reist in einer Zeit in die Türkei, in der die ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen der EU und ihrem chronischen Beitrittskandidaten noch komplexer geworden sind. Zehn Jahre nach ihrem Beginn sind die Beitrittsverhandlungen ins Stocken geraten, das politische Verhältnis hat sich zuletzt auf beiden Seiten auf notwendige Kooperation etwa in Wirtschaftsfragen oder der Syrien-Krise reduziert. Erst ihre Überforderung in der Flüchtlingskrise hat in der EU das Interesse an einer stärkeren Zusammenarbeit wiederbelebt. Die Türkei soll Europas Türsteher sein und zudem den Großteil der mehr als zwei Millionen Flüchtlinge im Land behalten. Dafür stellt die EU Milliardenhilfe, Visaerleichterungen und eine engere politische Zusammenarbeit in Aussicht. Auch die Beitrittsverhandlungen sollen "mit neuer Energie" angegangen werden. Es sieht so aus, als würde diese Krise die beiden Partner wieder zusammenbringen.

Aber was will die Türkei noch von der EU? Wie denken Regierung und Türken jetzt über das Europa, in das sie doch aufgenommen werden sollten, das sie dann aber doch nie wirklich haben wollte?

"Die Regierung hat kein Interesse, Mitglied der EU zu werden", sagt Cengiz Aktar vom Istanbul Policy Center (IPC). Sie erwähne die Möglichkeit nicht einmal mehr in ihren Reden. Zudem sei die Türkei im Gegensatz zu 2005 derzeit gar nicht bereit, den Kopenhagen-Kriterien der EU für einen Beitritt zu entsprechen. Die Ansprüche an Menschenrechte, Pressefreiheit: Die Erdoğan-Türkei des Jahres 2015 will sie gar nicht mehr erfüllen.

Auch Ayhan Kaya von der Bilgi-Universität in Istanbul glaubt nicht, dass die AKP-Führung und Erdoğan an besseren Beziehungen zur EU interessiert seien. "Sie haben Europa immer nur als Instrument gesehen, ihre eigenen Ziele durchzusetzen, etwa den Einfluss des Militärs zurückzudrängen", sagt der Professor für internationale Beziehungen. Eine europäische Orientierung der Regierung setze den Willen voraus, sich um demokratische, transparente, rechtsstaatliche und stabile marktwirtschaftliche Strukturen zu bemühen. Ein solches Interesse kann Kaya in der derzeitigen Regierung nicht erkennen.

"Was sollen wir in der EU?"

Doch die türkische Seite ist nicht allein verantwortlich für die wachsende Distanz. Mit der Türkei werde nicht wie mit einem möglichen Beitrittskandidaten umgegangen, sagt Aktar. "Es ist eine taktische Partnerschaft, keine strategische." Die Türkei werde mittlerweile ähnlich behandelt wie Russland, das zeige auch die derzeitige Annäherung beim geplanten Abkommen. "Der EU geht es um Terrorismus und Flüchtlinge, mehr nicht." Die türkische Regierung verhalte sich nicht anders als die EU, sagt auch Soli Özel, Experte für internationale Beziehungen an der Kadir-Has-Universität in Istanbul: Man können die Beziehungen nicht abbrechen, sei aufeinander angewiesen. "Aber die türkische Regierung ist nicht an einem Beitritt, und die EU nicht an einer Erweiterung interessiert."

Diese Entfremdung wurde durch wirtschaftliche und politische Entwicklungen verstärkt. Während Europa nach dem Ausbruch der Finanzkrise mit Milliardenschulden, Währungsproblemen und der Krise in Griechenland zu kämpfen hatte, wuchs die türkische Wirtschaft kräftig. Auch außenpolitisch wurde die Türkei unter Erdoğan als Regierungschef Vorbild für die Länder des Arabischen Frühlings, war Vermittler und Regionalmacht. Europa war nicht mehr so wichtig. "Was sollen wir in der EU? Werden wie Griechenland?", hätten damals viele Türken gewitzelt, erzählt Soli Özel. In dieser Zeit litt das Ansehen der EU auch in der Bevölkerung.

Doch das scheint sich jetzt zu drehen. Europa ist für viele Türken eine Hoffnung. Das zeigen aktuelle Studien des German Marshall Fund (GMF) und des Pew Research Center, in der Türken zu ihrer Sicht auf das eigene Land und den internationalen Beziehungen befragt wurden. Gefragt nach internationaler Kooperation befürworten in der GMF-Studie zwar 29 Prozent weiter einen Alleingang der Türkei, 25 Prozent sind für eine Kooperation mit der EU. Bei der Frage des EU-Beitritts gibt es in beiden Studien aber eine deutliche Mehrheit: 44 (GMF) beziehungsweise 55 Prozent sind dafür. Als Gründe werden wirtschaftliche Stärkung, Reise-, Arbeits- und Studienfreiheit sowie Frieden genannt.

Junge Türken denken ans Auswandern

Noch eindrücklicher sind die Zahlen des Eurobarometers, einer regelmäßig von der EU auch in der Türkei durchgeführten Umfrage. Nachdem sich Misstrauen und Vertrauen der Türken in die EU zwischen 2004 und 2006 noch die Wage hielten, sank das Ansehen danach deutlich – um jetzt wieder drastisch anzusteigen. Im November 2014 vertrauten 18 Prozent der Türken der EU, ein halbes Jahr später, im Mai 2015, waren es 46 Prozent. Der höchste Wert seit zehn Jahren.

Vertrauen türkischer Bürger in die Europäische Union

Umfragewerte im zeitlichen Verlauf - aktuellste Zahlen vom Mai 2015

Vertrauen türkischer Bürger in die Europäische Union

So ganz kann auch Experte Ayhan Kaya diese plötzliche Wende nicht erklären. Er macht den zunehmend autoritären Regierungsstil dafür verantwortlich, Klientelwirtschaft, Urbanisierung der Gesellschaft, außenpolitische Fehler der Regierung, wachsende Spaltung zwischen der international-säkularen und proislamistischen Mittelschicht sowie die Tatsache, dass die AKP-Führung alles mit Verschwörungen gegen ihre Regierung zu erklären versuche. Im Kontrast dazu erscheint die EU noch immer als "ein Raum von Frieden, wirtschaftlichem Wohlergehen, Demokratie und Stabilität", sagt etwa Soli Özel. Und Ayhan Kaya meint: "Die EU sollte sich dieser Entwicklung bewusst sein und ihre Kontakte auf gesellschaftlicher Ebene stärken." Die Phase der größten Stabilität im Mittleren Osten habe es zwischen 1999 und 2005 gegeben, als die Türkei eine überzeugende europäische Perspektive gehabt habe.

Die europäische Orientierung von wachsenden Teilen der türkischen Gesellschaft lässt sich auch an Zahlen türkischer Erasmus-Studenten ablesen: Ihre Zahl hat sich von 2008 bis 2013 mehr als verdoppelt. Unter allen 33 teilnehmenden europäischen Ländern lag die Türkei mit knapp 15.000 Studenten zuletzt auf Platz sieben.

Der Anschlag von Ankara am vergangenen Wochenende dürfte vor allem in Städten wie Istanbul, Izmir, Ankara oder Antalya im Westen des Landes diese Dynamik noch beschleunigen. Junge Türken denken darüber nach, das Land nicht nur temporär in Richtung Europa zu verlassen. Die Reaktion der Regierung auf den Tod von mehr als 100 Menschen hat den Unmut weiter wachsen lassen. Der Besuch der deutschen Kanzlerin wird deshalb in säkular und demokratisch orientierten Teilen der Bevölkerung kritisch gesehen. "Sie machen Erdoğan und die AKP mitverantwortlich für das Massaker in Ankara, das wohl vom IS verübt worden ist", sagt Ayhan Kaya.

So kommt es, dass Merkels Besuch bei Erdoğan gerade bei den Türken auf Widerspruch stößt, die Europa eigentlich am nächsten stehen.