Der englische Ausdruck signature strike ist eine Umschreibung für die Tatsache, dass viele der Drohnenangriffe auf Menschen geflogen werden, deren Identität niemand kennt. Zum Ziel werden sie, weil die US-Geheimdienste der Meinung sind, dass sie sich wie Terroristen verhalten. Wer in Somalia einen Kleinlaster fährt, mit dem Islamisten zuvor Waffen transportiert haben, ist im Zweifel in tödlicher Gefahr, wenn die Bildauswerter im Pentagon das Nummernschild wiedererkennen. Oder wer ein Haus betritt, in dem sich zuvor Kämpfer getroffen haben. Oder gar ein Mobiltelefon benutzt, mit dem zuvor ein lokaler Kommandeur telefoniert hat.

Der erste Drohnenschuss überhaupt war bereits ein solcher signature strike. Am 4. Februar 2002 nutzte die CIA zum ersten Mal eine bewaffnete Drohne, um gezielt auf einen Menschen zu schießen. Ein Pilot des Geheimdienstes steuerte eine MQ-1 Predator im Osten Afghanistans nahe der Stadt Chost. Sein Ziel war ein Mann, den die CIA für Osama bin Laden hielt. Begründung: Die Crew hatte einen ungewöhnlich großen Mann beobachtet, der von Umstehenden mit großer Ehrerbietung behandelt wurde. Bin Laden war mehr als 1,90 Meter groß. Die Hellfire-Rakete traf jedoch nicht ihn, sondern drei unschuldige Schrottsammler: Daras Chan, 31, Dschehangir Chan, 28, und Mir Ahmed, 30, hatten nach Resten von amerikanischen Raketen und Bomben gesucht, um das Metall zu verkaufen. Daras Khan war 1,80 Meter groß.

Das Pentagon bezeichnete die Toten danach als "legitimes Ziel". Gleichzeitig musste das Ministerium zugegeben, dass es keine Ahnung gehabt hatte, auf wen da eigentlich geschossen wurde. Solche signature strikes gibt es bis heute.

Eine nun von The Intercept veröffentlichte Studie des Pentagon konstatiert sogar, dass diese Taktik den eigenen Kampf erschwere, ja dass sie gar eines der Hauptprobleme des Drohnenprogramms sei. Viel zu oft überprüfe nach einer kill operation niemand am Boden, wer da getroffen worden sei, und niemand suche nach Informationen wie Papieren oder Computern oder Handys, heißt es darin. Dadurch aber entgingen den USA wichtige Hinweise auf künftige Ziele.

Military Aged Male

In der offiziellen Statistik der USA zu Drohnenopfern gibt es praktisch keine Zivilisten. Das liegt nicht daran, dass Drohnen so genau schießen und nur Kämpfer erwischen. Es liegt vielmehr daran, dass die US-Regierung jeden Toten als Feind betrachtet. Die Statistik kennt eigentlich nur zwei Kategorien. Erstens diejenigen, die auch wirklich auf einer kill list standen und getötet werden sollten. Sie werden zynischerweise jackpot genannt, Hauptgewinn. Und zweitens jene, deren Identität unbekannt ist und die unabsichtlich getroffen wurden. In der Statistik tauchen sie als enemy killed in action auf, abgekürzt EKIA, wie The Intercept belegt. Eine Kategorie wie Zivilisten, Unbeteiligte oder wenigstens Kollateralschaden gibt es nicht.

Dabei treffen Drohnen vor allem Unschuldige. Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, Reprieve, Human Rights Watch oder das Bureau of Investigative Journalism haben in aufwändigen Projekten versucht, die Identität der Toten zu klären und sie zu zählen. Alle kamen zum gleichen schrecklichen Ergebnis: Dutzende, ja manchmal Hunderte Unbeteiligte sterben, wenn ein Terrorist gejagt wird.

Bei dem Versuch, Aiman al-Sawahiri zu treffen, den Chef von Al-Kaida, töteten Drohnenpiloten laut einer Studie von Reprive 76 Kinder und 29 Erwachsene. Aiman al-Sawahiri trafen sie nicht, er lebt noch immer.

Diese kaltschnäuzige Unterschlagung ziviler Opfer findet sich an vielen Punkten. So ist praktisch jeder männliche Mensch ein legitimes Ziel. Brandon Bryant schildert bei seiner Befragung im Bundestag, jeder männliche Jugendliche sei ein Kämpfer. Der Ausdruck der Armee für sie lautet military aged male – Männer im kampffähigen Alter. Die Altersgrenze dafür liegt laut Bryant bei zwölf Jahren. Schulkinder sind nach dieser Definition also Soldaten.

Für diese Haltung gibt es eine ebenso zynische Begründung. Bryant gab einige seiner früheren Kameraden wieder, die gesagt haben sollen, aus Kindern würden ja irgendwann Terroristen und man müsse "das Gras mähen, bevor es zu hoch wachse". 

Offenlegung: Der Autor hat zusammen mit dem Journalisten Thomas Wiegold ein Buch über Drohnen geschrieben.