Er war der Last-Minute-Partycrasher. Mit einer Wutrede, abgedruckt im Feuilleton der FAZ, befreite sich der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss von seinem aufgestauten Ärger: Sein Land sei auf dem falschen, rechten Weg. "Mit der Kultur geht es bergab und mit den Medien auch. Und niemand empört sich – nur ich." Kurzum: "Die Schweiz ist des Wahnsinns."

Was ist passiert?

Die Schweiz wählt an diesem Sonntag. 3.788 Kandidatinnen und Kandidaten buhlen um einen der 246 Sitze in den beiden Parlamentskammern. Aber es war wie immer in den vergangenen 20 Jahren: ein lauer Wahlkampf.

Nicht, dass monatelang geschwiegen worden wäre. Im Gegenteil. Da war so viel Gerede wie kaum je zuvor. Allabendlich fand in irgendeinem "Säli" oder einer Mehrzweckhalle eine Podiumsdiskussion statt. Auf Twitter und Facebook herrschte ein parteipolitisches Dauerrauschen. Schrill und laut. Die Zeitungsredaktionen durchleuchteten jeden erdenklichen Teilaspekt der bevorstehenden Wahl. Sie erstellten allerlei Rankings, suchten mal den linkesten, dann den rechtesten Politiker, mal den einflussreichsten und dann den "größten Hinterbänkler". Und die Politologen überboten sich mit Analysen, Umfragen, Wahlbörsen und Simulationen. Das ging so weit, dass man eines Sonntags am Frühstückstisch saß und dachte: Verdammt, habe ich die Wahlen verschlafen? "Die SVP gewinnt sechs Sitze", stand auf der Titelseite der NZZ am Sonntag. Für den Konjunktiv war kein Platz mehr.

Aber was sagten die 3.788 Menschen, die ins Bundeshaus nach Bern wollen, auf all den Podien, in ihren Gastartikeln und in ihren Wahlkampfreden? Reichlich wenig. Viel lieber machten sie Stimmung. Sauglattismus prägte diesen Schweizer Wahlkampf. Wollten die Parteien vor vier Jahren die Wählerschaft noch mit Volksinitiativen zur Abstimmung locken, setzten sie nun auf Bierzelte, Hüpfburgen oder Luftballons. Und wie so oft, legte die SVP noch einen oben drauf. Sie veröffentlichte einen eigenen Wahlkampfsong, der es sogar in die Hitparade schaffte. Im Videoclip spielt der Verteidigungsminister mit Plastikflugzeugen, springt SVP-Multimilliardär Christoph Blocher in den Pool seiner Villa hoch über dem Zürichsee – und Weltwoche-Chefredakteur Roger Köppel, der nun in den Nationalrat will, sitzt auf dem Klo und liest die linke Wochenzeitung.

Durch und durch bürgerlich

Da war viel Gaga, wenig Inhalt. Umso irritierender, dass alle Parteien – links wie rechts – ständig von einer Richtungswahl sprachen. Sie machten den 18. Oktober zum Schicksalstag. Dabei zeigen alle Umfragen: Die Wähleranteile werden sich lediglich um ein paar zerquetsche Prozentpunkte verschieben. Selbst die errechneten Sitzgewinne oder -verluste rütteln nicht am herrschenden Machtdiagramm. Die Schweiz wird auch nach diesem Sonntag ein durch und durch bürgerliches Land bleiben.

Konkret bedeutet das: Die rechtspopulistische SVP wird etwas zulegen und mit knapp unter 30 Prozent stärkste Partei bleiben; nachdem sie vor vier Jahren ein paar Prozentpunkte verloren hat. Ähnlich viele Stimmen wie die SVP werden Sozialdemokraten, Grüne und linke Splitterparteien erhalten. Den Rest teilen sich die wirtschaftsnahe FDP und die bürgerlichen Mitte-Parteien. Vielleicht reichen die Sitzverschiebungen nicht einmal, um im Dezember die in der SVP verhasste Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf aus der Regierung zu kegeln. Sie gilt unter den Nationalkonservativen als Verräterin, weil sie 2007 die Wahl in den Bundesrat annahm – auf Kosten von Christoph Blocher.

All das wissen natürlich auch die Parteien selbst. Wo es nicht viel zu gewinnen gibt, können sie umso mehr verlieren. Also flüchten sie sich in Floskeln: "Frei bleiben! SVP wählen" oder: "Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt – FDP". Sie sprechen von einem Auftrag, den sie in Bern zu erfüllen hätten. Oder vom Verderben, in das uns ein Rechtsruck im Parlament stürzen würde. Und sie machen Stimmung gegen Asylbewerber, bis weit in die politische Mitte. Das ist umso einfacher, weil die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten bisher einen Bogen um die Schweiz gemacht haben. Bis Ende des Jahres erwarten die Behörden 30.000 Menschen – so viel wie in München allein im September eintrafen.

Und dann kam also Lukas Bärfuss. Man hatte ihn ein paar Tage zuvor auf einer Journalisten-Tagung erlebt. Schon da kochte der Mann vor Wut und schleuderte den jungen Reportern im Saal entgegen: "Ich habe den Eindruck, dass die Schweizer Presse gekauft ist." Einige applaudierten, andere waren not amused, fühlten sich vor den Kopf gestoßen. In seinem Feuilleton-Rant in der FAZ verließ den Schriftsteller denn auch die analytische Präzision, verdrehte er einige Fakten – und in einigen Punkten lag er schlicht falsch. Aber im Kern hat Bärfuss recht: Eigentlich hätte die Schweiz genug zu diskutieren. Echte Fragen und echte Probleme.