Am Sonntag werden die Belarussen wieder einmal zur Wahl gebeten. Für sie ist das Routine ohne offenen Ausgang: Seit 1994 regiert Alexander Lukaschenko das Land. Keine Präsidentschaftswahl seither hat die OSZE als frei und fair anerkannt. 

Aber der Westen und Belarus würden gern ihre Beziehungen verbessern: Die EU und die USA wollen Stabilität in der Region, Belarus möchte seine ökonomische Abhängigkeit von Russland verringern und finanzielle Unterstützung vom Westen. 

Einer Annäherung steht allein die Präsidentschaftswahl im Wege. Sie müsste zumindest ein bisschen demokratischer verlaufen als die vorigen. Also geraten die OSZE-Wahlbeobachter unter Druck.

Um der OSZE zu helfen, bei dieser Wahl einen Fortschritt festzustellen, hier fünf Gründe, warum diese Wahl besser ist. 

1. Die Frau und der Kater

Belarussen können jetzt zwischen vier Kandidaten wählen, drei von ihnen haben einen Schnurrbart; der Kandidat ohne Bart ist eine Frau, die erste Kandidatin, die es je auf einen Stimmzettel im unabhängigen Belarus geschafft hat. Als Fortschritt kann auch das Novum gelten, dass ein Kater namens Barsik kandidieren wollte. Trotz politischer Erfahrung bei der letzten Präsidentschaftswahl 2010 (er hat eine Vereinbarung für die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Katzen unterschrieben, kein Witz!), wurde er von der Wahlkommission ausgeschlossen. Er hat aber Unterschriften gesammelt und führt jetzt ein Blog, um mit den Wählern in Kontakt zu bleiben. Ist sein gutes Recht – wie in jeder offenen Gesellschaft!

2. Belarus ist nicht die letzte Diktatur Europas

Nicht mehr. Der Titel ist 2014 an Russland gegangen. Noch bevor Bundeskanzlerin Merkel (das erste deutsche Staatsoberhaupt nach Hitler!, das Minsk betrat) und der französische Präsident Hollande in der belarussischen Hauptstadt das Minsker Abkommen verhandelten.

Obwohl, so richtig peinlich war der Titel Lukaschenko ja nicht gewesen. Nach seiner Wiederwahl 2010 und nach dem Besuch des ehemaligen deutschen Außenministers Guido Westerwelle in Minsk sagte Lukaschenko: "Besser Diktator sein als schwul."

Verglichen mit dem Krieg in der Ukraine, der wirtschaftlichen Krise sowie den nationalistischen Turbulenzen in Russland ist die Wahlkampagne in Belarus friedlicher und schlaftrunkener denn je. Die Belarussen sehen den amtierenden Präsidenten, der den Kosenamen Batka, der Vater, trägt, als Verteidiger vor russischen Panzern. Die Belarussen, die Lukaschenko als "Russen mit Qualitätssiegel" bezeichnet, wissen ganz genau, was das geringere Übel ist. 

3. Die Diät

Die Debatten verlaufen ruhig. Wie immer finden sie ohne Lukaschenko statt, der auf alle TV-Auftritte verzichtet hat. Seine diesjährige Stabsleiterin, im Hauptberuf Arbeitsministerin, ist beurlaubt, damit sie sich ausschließlich der Wahlkampagne widmen kann. Die anderen Kandidaten – mit Schnurrbart oder ohne – streiten untereinander.

Die Diktatur in Minsk ist heute vegetarisch: Alle politischen Gefangenen sind im August freigekommen. Sogar der letzte Präsidentschaftskandidat, der seit 2010 im Gefängnis war. Ja, letztes Mal gab es zehn Kandidaten, es ist nicht schön gelaufen… Alle außer Lukaschenko wurden festgenommen, viele zu Haftstrafen verurteilt; 700 Protestteilnehmer am Wahlabend ebenso. Dieses Jahr darf so etwas nicht passieren. Die belarussische Regierung macht gute Miene zum alten Spiel, um die Annäherung mit dem Westen auf keinen Fall zu gefährden. 

4. (Gestrichen, um die Annäherung nicht zu gefährden)

5. Lukaschenko tritt zum fünften Mal an

Er weiß was er tut und wie. Und er wird gewinnen. Höchstwahrscheinlich. Die einzige Variable liegt im Osten: 2010 gab es Propaganda-Filme im russischen Fernsehen über das korrupte Lukaschenko-Regime, dieses Mal eröffnet Russland einen eigenen Luftwaffenstützpunkt in Belarus. Bei solchen Geschenken kann man leider nicht Nein danke sagen. Man kann nur versuchen, dem Erzfreund in Moskau, wie Lukaschenko es formuliert, einen Partner im Westen gegenüberzustellen. Ob es klappt? Statt einer Allbelarussischen Versammlung wurde dieses Jahr ein Gebet für Belarus veranstaltet. Das spricht für sich.

Ansonsten: Lieber lachen als weinen, wie die Belarussen sagen.