Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat nach dem Abschuss des russischen Kampfjets durch die Türkei vor einer Eskalation gewarnt. "Dies ist eine ernste Situation", sagte Stoltenberg der ZEIT. Nun seien Ruhe und Diplomatie sowie weitere Kontakte zwischen der russischen und türkischen Regierung gefordert.

"Unser gemeinsamer Feind sollte der 'Islamische Staat' sein", sagte Stoltenberg. Es sei wichtig, dass alle Beteiligten vom übergreifenden Ziel geleitet seien, den IS zu besiegen. Dabei solle Russland eine wichtigere Rolle spielen. Bisher hätten sich die meisten russischen Luftschläge gegen Gebiete gerichtet, die nicht von der Terrororganisation kontrolliert werden. Zuletzt hätten russische Kampfjets aber zunehmend auch IS-Ziele angegriffen. 

Insgesamt strebe die Nato eine bessere Beziehungen mit Russland an, sagte Stoltenberg. Dies setze aber voraus, dass Russland gegenüber der Ukraine fundamentale Prinzipien wie die Sicherheit der Grenzen seiner Nachbarn respektiere.

Zweiter Pilot gerettet

Der russische Kampfjet war nach Darstellung der türkischen Regierung abgeschossen worden, weil er den türkischen Luftraum verletzt haben soll. Zuvor seien mehrfach Warnungen ausgesprochen worden. Die russische Regierung teilte mit, der Jet sei von F16-Kampfflugzeugen in syrischem Luftraum abgeschossen worden. Er habe keine Gefahr für die Türkei dargestellt. US-Regierungskreise bestätigten, dass das Flugzeug über Syrien getroffen wurde und sich zuvor kurzzeitig in türkischem Luftraum befunden hatte. 

Bei dem Zwischenfall konnten sich beide Piloten mit dem Schleudersitz aus dem Flugzeug retten. Nach russischen Angaben wurde einer der beiden am Boden von Islamisten getötet. Das Schicksal des zweiten war zunächst unbekannt. Am Mittwoch teilte Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit, er sei gerettet worden.

Russland bietet Zusammenarbeit gegen IS an

Mahnung zur Deeskalation kam auch vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. "Wir denken definitiv nicht an so etwas wie eine Eskalation dieses Zwischenfalls", sagte er nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. "Wir verteidigen nur unsere eigene Sicherheit und das Recht unserer Brüder." Laut Erdoğan stellte sich erst nach dem Abschuss des Kampfjets heraus, dass es sich um ein russisches Flugzeug handelte.

Aus Russland kommen unterschiedliche Signale. Präsident Wladimir Putin forderte die Bevölkerung auf, von Reisen in die Türkei abzusehen. Zur Sicherung des Luftraums sollen Luftabwehrraketen in den syrischen Stützpunkt der russischen Armee verlegt werden. Der russische Botschafter in Frankreich, Alexandre Orlow, kündigte allerdings an, Russland sei zur Gründung eines gemeinsamen Militärkommandos gegen den IS mit den USA und Frankreich bereit. Daran könnten sich auch andere Staaten, etwa die Türkei beteiligten, sagte Orlow. Ziel des gemeinsamen Kommandos sei, das Vorgehen gegen den IS besser zu koordinieren.