Am vergangenen Donnerstag wird die bis dahin subtile Bedrohung in Hossam Bahgats Leben plötzlich real. Der bekannte Journalist öffnet in seiner Wohnung in Alexandria einen Brief. In dem Schreiben wird der 37-Jährige aufgefordert, am Sonntag um 9 Uhr beim Kairoer Militärgeheimdienst zu erscheinen. Man habe etwas mit ihm zu besprechen. Bahgats Freunde, die ihn dorthin begleiten, warten draußen. Doch Bahgat kommt an diesem Tag nicht wieder heraus.

Mehr als sieben Stunden wird der Menschenrechtsaktivist verhört. Erst am späten Nachmittag wird ihm gestattet, kurz einen  Freund anzurufen. Bahgat erzählt ihm, der Militärstaatsanwalt wolle Ermittlungen gegen ihn aufnehmen und er brauche einen Anwalt. Wie die Anhörung dann weitergeht, beschreibt einer seiner Anwälte: "Während des Verhörs erhielt der Ermittler viele Anrufe. Wir wissen nicht, wer ihn da anrief. Dann holte ihn eine Gruppe von Männern ab, einige trugen Militäruniformen, andere zivile Kleidung. Sie brachten Hossam zu einem Van, vermutlich ein Wagen des Militärgeheimdienstes. Uns wurde gesagt, dass wir am nächsten Morgen über das weitere Verfahren informiert werden würden."

Bahgat bleibt über Nacht in Gewahrsam, am Montag ordnet die Militärstaatsanwaltschaft eine viertägige Untersuchungshaft an. Es bestehe der Verdacht auf "Veröffentlichung falscher Nachrichten zum Schaden der nationalen Sicherheit". Auch soll er Informationen verbreitet haben, die den öffentlichen Frieden stören könnten. Am Dienstagmittag wird Bahgat überraschend freigelassen. Warum, weiß niemand genau.

Auf der Nachrichtenseite Mada Masr schreibt Bahgat, er habe in einer Erklärung bestätigen müssen, während des Gewahrsams keine Folter erfahren zu haben. Er wisse nicht, wie es mit dem Verfahren gegen ihn weitergehe. Er endet mit den Worten: "Ich möchte noch einmal deutlich machen, dass ich es zutiefst ablehne, dass Journalismus kriminalisiert wird." 

Aktivisten und Journalisten laufen Sturm

Das aber ist immer mehr Alltag. Ägyptens Blogger, Aktivisten und Journalisten laufen in diesen Tagen Sturm. Die Nachricht von der Verhaftung Bahgats, einem der prominentesten Journalisten Ägyptens, verbreitete sich innerhalb kürzester Zeit. In den sozialen Medien wurden seine Artikel geteilt, sein Foto als Profilbild hochgeladen, in Dutzenden Kommentaren Solidarität bekundet. "Hossam zahlt den Preis für eine Arbeit, an die er glaubt. Er kannte die Konsequenzen und entschied sich bewusst dafür, diese Dinge zu recherchieren und zu veröffentlichen", kommentierte die Aktivistin Mona Seif. Und die bekannte Schriftstellerin Ahdaf Soueif notierte auf ihrer Facebook-Seite: "Hossam Bahgat ist wahrscheinlich unser bester investigativer Journalist. Viele von uns verfolgen die Ereignisse minutiös." 

Auch die internationale Kritik folgte prompt. "Die Verhaftung von Bahgat ist ein weiterer Nagel im Sarg der Meinungsfreiheit in Ägypten", kritisierte Amnesty International. Ein Militärprozess gegen einen so prominenten Journalisten sei ein Frontalangriff auf die Pressefreiheit und auf alle Menschenrechtsorganisationen in Ägypten, kritisierte die Organisation Reporter ohne Grenzen.

Zweifelsohne: Die – wenn auch kurzzeitige – Festsetzung Bahgats zeigt einmal mehr, mit welcher Härte die ägyptischen Herrscher gegen ihre Kritiker vorgehen. So begann mit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi und der Machtübernahme der Militärs im Sommer 2013 nicht nur eine rigorose Jagd auf die Anhänger der Muslimbrüder. Es folgte auch eine bis heute anhaltende Hetze gegen Oppositionelle jeder Couleur. Mehr als 2.000 Menschen wurden laut Menschenrechtsorganisationen seither vom Militär getötet, mehr als 40.000 inhaftiert. Überwachung, Folter und Verfolgung von Andersdenkenden ist Alltag in Ägypten. Aktivisten und Studenten verschwinden oft spurlos, nicht wenige werden von Staatssicherheit und Geheimdienst ermordet. Ägyptens Zivilgesellschaft erlebt, so betonen Menschenrechtler einhellig, Repressionen in nie gekanntem Ausmaß. Und diejenigen, die darüber berichten, werden selbst zum  Ziel. So wie Hossam Bahgat.

Bahgat gründete 2002 die Ägyptische Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR), eine renommierte Menschenrechtsorganisationen Ägyptens. Bis 2013 leitete er die Organisation und schreibt seither für Mada Masr, eine der wenigen noch unabhängigen Nachrichtenseiten in Ägypten. Mit seinen Texten machte sich Bahgat schnell einen Namen, stellten seine tiefgründigen Recherchen doch immer wieder die offiziellen Darstellungen des Regimes in Frage. Er mokierte sich über die kritiklose Huldigung des Präsidenten Abdel Fattah al-Sissi in den ägyptischen Medien und berichtete über die Korruption in der Familie Mubarak ebenso wie über die umstrittenen Militärprozesse.