ZEIT ONLINE:  Ob die russische Passagiermaschine, die am Samstag über der ägyptischen Sinai-Halbinsel abgestürzt ist, von Terroristen abgeschossen wurde, ist Spekulation. Unbestreitbar ist hingegen, dass die Sicherheitslage auf dem Sinai zunehmend kritischer wird. Militäroffensiven, Anschläge und Gefechte sind an der Tagesordnung. Warum ist der Sinai so ein umkämpftes Gebiet?

Kristian Brakel: Der Sinai ist eine Transitzone und strategisch schon immer sehr wichtig. Drei Kriege haben Ägypten und Israel um die Halbinsel geführt. Sie ist Kernstück des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages. Nach dem Abkommen 1979 war sie als Pufferzone zwischen beiden Ländern vorgesehen, als eine demilitarisierte Zone. Tatsächlich hatte der ägyptische Staat aber immer schon Probleme, hier die eigene Sicherheitshoheit zu etablieren. Ein Grund ist, dass dort hauptsächlich Beduinen leben, die gegen den ägyptischen Staat aufbegehren. Auch gibt es dort den Grenzübergang zum Gazastreifen. Im Sinai fließen also ganz unterschiedliche Sicherheitsinteressen diverser Akteuren zusammen.

ZEIT ONLINE: Wer kämpft da momentan gegen wen?

Brakel: Das kann man gar nicht genau sagen. Die Nachrichtenlage zum Sinai ist sehr schlecht. Ägypten hat ja eine Sicherheitszone, eine Art militärisches Sperrgebiet, über Teile des Sinai verhängt. Journalisten dürfen schon seit Langem nicht mehr in den Nordsinai reisen. Zudem hat sich die ägyptische Regierung nach dem Sturz von Mohammed Mursi 2013 sehr darum bemüht, die Informationen zu den Vorgängen dort zu verschleiern. Der Staat hat lange behauptet, dass die Militanten, die dort kämpfen, zur abgesetzten Regierung von Mursi gehören, dass es Muslimbrüder seien, die sich mit der Hamas verbündet hätten. Damit wollte man zeigen, dass die Absetzung Mursis richtig war.

ZEIT ONLINE: Genauso wie der mit großer Härte geführte "Kampf gegen den Terror"?

Brakel: Ja, genau. Diese Behauptungen gehören zur staatlichen Propaganda. Viele der militanten Gruppen, die im Sinai kämpfen, gab es auch schon vor der Mursi-Regierung. Die "Provinz Sinai" etwa, die Ende des vergangenen Jahres dem "Islamischen Staat" die Treue geschworen hat, ist die Nachfolgegruppe von Ansar Beit al-Makdis, ein Zusammenschluss verschiedener extremistischer Gruppen. Da haben sich nun also kleinere militante Gruppen zum größten Akteur in der Nachbarschaft bekannt, weil ihnen das eine Aufwertung bringt. Welche Verbindung es zur Zentralstruktur des IS in Syrien und Irak gibt, wissen wohl nur die Geheimdienste. Aber dass es da Verbindungen hin gibt, ist aufgrund der geografischen Nähe nicht ausgeschlossen. Von irgendwo her fließen ja auch Gelder und wir wissen, dass der IS im Irak wohl die reichste extremistische Gruppierung in der Region ist. Aber zu sagen, dass das, was da im Sinai passiert, nur an der Ausbreitung des IS liegt, ist falsch. Das Hauptproblem in Ägypten ist immer noch hausgemacht.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Brakel: Es gab schon unter Hosni Mubarak Anschläge im Sinai, vor allem gegen touristische Ziele. Danach folgte eine massive Repressionswelle durch die Regierung. Sie hat Hunderte Menschen verhaftet und gefoltert, vor allem Beduinen. Diese Gewalt hat auch viele ganz normale junge Leute, die schon in einer schlechten wirtschaftlichen Lage waren, in die Arme militanter dschihadistischer Gruppen getrieben. Und mit dem "Kampf gegen den Terror" zieht die ägyptische Armee die Bevölkerung in enorme Mitleidenschaft.

ZEIT ONLINE: Wie genau geht die Armee im Sinai vor?

Brakel: Was genau passiert, wissen wir nicht. Wir können uns nur auf die Berichte der Bewohner dort berufen. Es gibt wohl einen starken Einsatz der Luftwaffe, vor allem von Kampfhubschraubern. Die beschießen anscheinend ganze Siedlungen. Dass auch Zivilisten darunter sind, wird durchaus billigend in Kauf genommen.

ZEIT ONLINE: Und einige der Beduinen, die das miterleben, schließen sich dann den Extremisten an?

Brakel: Ja. Es gibt da Vermischungen. Einige der Extremisten kommen aus dem Land selbst, aus dem Nildelta etwa. Zudem gibt es Verbindungen zu anderen militanten Gruppen in den Nachbarländern und es existieren kriminelle Netzwerke, die mit dem Schmuggel von Waffen aus Libyen gute Geschäfte machen. Aber es gibt auch junge Beduinen, die unter schwierigen sozialen Bedingungen leben und zusätzlich die Repressionen der Regierung erleben. Die finden durch die Unterstützung der militanten Gruppen ein Auskommen.

ZEIT ONLINE: Warum bekämpfen die Beduinen die ägyptischen Machthaber?