Brakel: Es gibt eine enorme Entfremdung der Beduinen vom Staat. Der wird von vielen als Feind angesehen. Generell ist die nomadische Bevölkerung überall auf der Welt am stärksten von den Modernisierungsprozessen betroffen. Viele der in Ägypten sesshaft gewordenen Beduinen-Stämme mussten etwa den Hotelkomplexen weichen. Der ägyptische Staat hat wenig unternommen, um die nomadische Lebensweise zu integrieren. Zudem sind die Ressentiments gegen den Staat gewachsen, weil die ägyptischen Sicherheitskräfte mit äußerster Härte gegen die lokale Bevölkerung vorgehen. 

ZEIT ONLINE: Wie genau?

Brakel: Das sieht man etwa an dem Grenzort Rafah, der sowohl auf palästinensischer als auch auf ägyptischer Seite des Gazastreifens liegt. Dort gab es über viele Jahre einen florierenden Waffenschmuggel in den Tunneln unter der Grenze. Auf Druck der Israelis und der Amerikaner versuchte die ägyptische Militärregierung direkt nach dem Sturz Mursis den Schmuggel einzudämmen und dieses Grenzgebiet zu Gaza abzuriegeln. Da hat man diese Tunnel mit Abwasser geflutet, egal ob dort noch Leute drin waren oder nicht. Man hat ohne Rücksicht auf Verluste zivile Behausungen zerstört, um eine Sicherheitszone zu schaffen. Das alles hat natürlich massiven Unmut in der Bevölkerung geschürt. Auch sind im Sinai viele Rekruten stationiert, also Leute, die dort ihren Wehrdienst absolvieren müssen und oft schlecht ausgebildet und schlecht bezahlt sind. Die gehen teilweise sehr gewaltsam gegen die lokale Bevölkerung vor, weil sie diese schlicht pauschal als Komplizen militanter Bewegungen sehen.

ZEIT ONLINE: Warum ist gerade die Lage im Nordsinai so außer Kontrolle geraten?

Brakel: Die Küstenstraße von Gaza nach Kairo ist die strategisch wichtigste Verbindung für den ägyptischen Staat, um die Kontrolle über dieses Gebiet zu gewinnen. Im angrenzenden Gazastreifen gab es immer wieder Kämpfe zwischen der Hamas und militanten dschihadistischen Gruppen, denen die Hamas nicht islamisch genug war. Deshalb sammeln sich etwa die Salafisten, die von der Hamas aus dem Gazastreifen herausgedrängt wurden oder vor der Hamas geflohen sind, in eben diesem Gebiet. Neben dem Waffenschmuggel ist dieser Streifen eine wichtige Route für den Drogenschmuggel und Menschenhandel, in den auch Teile der ägyptischen Sicherheitskräfte verwickelt sind. Die ägyptische Armee steht also nicht nur militanten Islamisten gegenüber, sondern auch mafiösen Strukturen, die teils aus den eigenen Reihen kommen.

ZEIT ONLINE: Wie ausgeprägt ist der Menschenhandel heute noch?

Brakel: Die ganz schlimmen Auswüchse, die Folter vor allem von Flüchtlingen aus Eritrea und dem Sudan, sind zurückgegangen. Die Zwangsprostitution nach Israel rein gibt es dagegen noch immer. Dass der Menschenhandel zurückgegangen ist, liegt zum einen an der stärkeren Präsenz von Sicherheitskräften. Vor allem aber daran, dass es für die Flüchtlinge weniger erfolgversprechende Routen in diese Richtung gibt. Die einstige Route über Syrien nach Europa ist wegen des Krieges versperrt. Und Israel verfolgt heute eine Null-Aufnahmepolitik, das heißt, die Flüchtlinge kommen dort in Lager in der Negev-Wüste oder werden direkt zurückgeschickt. Deshalb ist die Route über den Sinai für Flüchtlinge also nicht mehr so attraktiv.

ZEIT ONLINE: Wie sicher sind die Badeorte am Roten Meer, wo ja noch immer viele russische Touristen hinreisen?

Brakel: Die Sicherheitspräsenz ist in der Küstenregion stärker. Und es gibt dort mehr Beduinen, die ein finanzielles Auskommen durch den Tourismus haben. Wenn die Beduinen vom Ausbau des Tourismus auch nicht besonders stark profitiert haben, gibt es zumindest in der Küstenregion noch ein paar Jobs für Fremdenführer oder Souvenir-Verkäufer. Allerdings ist es auch so, dass die Regierung ein besonderes Interesse hat, die Küstenregion als sicher darzustellen. Tatsächlich ist es auch dort nicht ganz ungefährlich. Es gab ja bereits Anschläge dort, zum Beispiel 2004 auf das Hilton-Hotel in Taba, direkt an der israelischen Grenze oder auf den Badeort Dahab.

ZEIT ONLINE: Was kann die Regierung in Kairo tun, um die Lage auf dem Sinai zu verbessern?

Brakel: Das große Problem ist, dass sich die aktuelle ägyptische Regierung unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi weder für die Beduinen noch für die nicht-beduinische Bevölkerung als Freund und Helfer darstellt. Dieses Regime gründet sich auf Repressionen. Nicht nur im Sinai, sondern im ganzen Land. Es müsste ja darum gehen, den Militanten die Unterstützung der lokalen Bevölkerung zu entziehen. Unter Mursi gab es einige vorsichtige Versuche, mit den Beduinen ins Gespräch zu kommen, es gab Überlegungen, wie man die soziale Lage vor Ort verbessern könnte. Immerhin gibt es ja auch viele Beduinenführer, die die Gewalt zutiefst ablehnen. Aber die gegenwärtigen Machthaber zeigen nicht, dass sie sich für die Interessen der Bevölkerung einsetzen, dass die Bevölkerung überhaupt ein Teil des Staates ist, und nicht der Gegner. Vielmehr ist das Regime an der Sicherung der Privilegien der eigenen Elite interessiert. Und diese Haltung wird sicher nicht zu einer Stabilisierung der Lage führen.