Jetzt also geht es los: Der britische Premierminister David Cameron hat dem "lieben Donald" geschrieben, dem Präsidenten des Europäischen Rates, Donald Tusk, welche Reformen er sich von der Europäischen Union wünscht, damit die Briten darin bleiben. Es ist ein höflicher Brief. Verbindlich bedankt sich Cameron für "die persönliche Unterstützung" des Ratspräsidenten aus Polen und versichert, die Neuerungen, die er vorschlage, würden allen Mitgliedsstaaten der EU zugutekommen.

Dieser Brief ist das lang erwartete Signal für den offiziellen Beginn der Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien. Am Ende wird sich die EU verändert haben – und damit unser aller Leben.

Bevor Camerons Brief auf Tusks Schreibtisch in Brüssel landete, hielt der britische Premier in London eine Rede. Deren Ton war weniger höflich als der des Briefes. In London beschwor Cameron den britischen Weg für Europa: Der sei bestimmt vom Kopf, nicht vom Herzen. Europa sei für Briten eine pragmatische Angelegenheit, keine emotionale. Die Europäische Union sei ein Mittel zum Zweck, nicht der  Zweck selbst. 

Solche Sätze entsprechen nicht nur dem insularen, sondern auch dem kontinentalen Klischee. Aber sie sind falsch. Längst träumen Deutsche, Franzosen, Italiener, Polen, Ungarn und erst recht Griechen nicht mehr gefühlvoll vom vereinten Europa. Die Kritik an der europäischen Krisenpolitik ist auf dem Kontinent seit Jahren scharf. Und Analysen spielen dabei eine größere Rolle als Sentimentalitäten.

Und umgekehrt wird gerade auf der britischen Insel die Europadebatte sehr emotional geführt. Denn, to be honest, darling, ob es für Großbritannien besser ist oder nicht, in der EU zu bleiben, ist eine komplexe Rechnung mit uneindeutigem Ergebnis. Mittlerweile gibt es dazu eine ganze Reihe von Studien, die zusammen viele Tausend Seiten umfassen und immer zu genau jenem Ergebnis kommen, das sich die Autoren politisch wünschen.

Ob Großbritannien außerhalb der EU Tausende Arbeitsplätze verlieren oder aber sein Wirtschaftswachstum ohne EU-Fesseln bis 2050 um zwei Prozent über das zu erwartende Wachstum hinaus steigern kann – all das ist unvorhersehbare Zukunft. Die Heftigkeit, mit der einige Briten für einen Austritt streiten, und andere etwas gedämpfter für den Verbleib, ist deshalb keineswegs kopfgesteuert.

Die europhobe britische Elite ist klein

Cameron weiß das natürlich. Den heftigen EU-Gegnern, gerade in seiner eigenen Partei, geht es um britische Souveränität. Aus ihnen spricht das gekränkte Ego einer Elite, die sich gerade noch am Steuer einer Weltmacht sah und sich nun in der Rolle mittlerer Angestellter wiederfindet, die sich an die Hausordnung halten müssen. Ihr Zorn ist für Cameron gefährlich. Zwar ist die europhobe britische Elite klein, aber sie hat einen lauten Echoraum im Land, von EU- und einwanderungsfeindlichen Ukip-Anhängern bis hin zu Hedgefondsmanagern, die sich ihr Geschäft nicht von Brüsseler Bankreformen verderben lassen wollen. Wenn Cameron diese Klippen zu umschiffen versucht, dann gilt er unter Kontinentaleuropäern als der Schwierige.

In seiner Rede erinnerte Cameron daran, dass britische Soldaten "ihren vollen Beitrag" zu der Freiheit geleistet hätten (und zählte Kriegsschauplätze des Ersten und Zweiten Weltkriegs auf), die europäische Völker heute genössen, zitierte dann Churchill (der "edle Kontinent" Europa) und lieferte eine Liste des militärischen Geräts, das Großbritannien sich zuletzt leisten konnte (zwei "brandneue" Flugzeugträger, Drohnen, Kampfflugzeuge, U-Boote), alles Investitionen, "um unsere wirtschaftlichen und nationalen Interessen zu schützen". Camerons bemerkenswerte Schlussfolgerung: Die "europäische Frage" sei für sein Land nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen Sicherheit, sondern auch der nationalen. Es gehe nicht nur um Jobs und Handel, sondern auch um die Nation.