ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist in diesem Prozess Deutschland? Also die gerade innenpolitisch unter Druck stehende Kanzlerin Angela Merkel?

Zuleeg: Deutschland ist der wichtigste Reformer innerhalb der EU. Es gibt einige Übereinkünfte zwischen Cameron und Merkel, besonders was die Wettbewerbsfähigkeit betrifft. Aber ich glaube, Cameron überschätzt, wie weit Merkel ihn unterstützen wird. Der britische Premier erwartet eine Einigung mit Deutschland und er glaubt, dann hätte er sein Ziel erreicht. So einfach wird das aber sicherlich nicht.

ZEIT ONLINE: Die EU hat in ihrer Geschichte viele nationale Egoismen überstanden. Frankreich hat beispielsweise mit seiner Politik des leeren Stuhls in den Sechzigern die Handlungsfähigkeit blockiert. Wenn Großbritannien nun ähnlich destruktiv handeln würde, wäre ein Brexit nicht eine Erleichterung für eine Kern-EU, die dann übrig bliebe?

Zuleeg: Ich halte den Brexit für unwahrscheinlich. Aber auch wenn Cameron sein Land in den Austritt manövriert, es blieben in der EU immer noch 27 Staaten, deren Interessen gerade jetzt sehr unterschiedlich sind. Die Debatte wäre dann nicht wesentlich einfacher.

ZEIT ONLINE: Womit wir bei den ständigen EU-Krisen wären. Nach der Finanzkrise ist es jetzt die Flüchtlingskrise. Hält die EU das alles aus?

Zuleeg: Es besteht die Gefahr, dass das Projekt EU durch die vielen Krisen scheitert. Der Vertrauensverlust in der EU ist das Problem. Die Mitgliedstaaten und die EU-Institutionen brauchen gegenseitiges Vertrauen, um diese Krisen zu meistern, sonst funktioniert das System nicht mehr. Aber eines bleibt klar: Die Probleme und Krisen, die Sie ansprachen, lassen sich nicht auf der Ebene von 28 einzelnen Nationalstaaten lösen. Dafür braucht man so was wie die EU.