Das Wort Bombe wollte Ägyptens Chefermittler Ayman El-Muqaddam am Samstag gar nicht erst in den Mund nehmen. Stattdessen sprach er von "einem gewissen Szenario". Drei Rückfragen von Journalisten ließ er zu. Dann, nach sieben Minuten, stürmte er aus dem Pressesaal mit den Worten, draußen würden Mitarbeiter auf ihn warten. Neue Erkenntnisse zur Absturzursache jedoch hatte er nicht parat. Nur so viel ließ El-Muqaddam in seiner verlesenen Erklärung durchblicken: Auf dem Stimmenrekorder gebe es in der letzten Sekunde ein ungewöhnliches Geräusch, dessen Charakteristika noch analysiert werden müssten.

 

Und so werden die Spekulationen um eine Bombe des "Islamischen Staates" an Bord von Metrojet 9268 auch kommende Woche weitergehen, während 80.000 europäische und russische Feriengäste aus Scharm al-Scheich ausgeflogen werden. Denn für alle Seiten steht enorm viel auf dem Spiel.

Für Russlands Präsidenten Wladimir Putin wäre eine IS-Bombe eine überraschend prompte, blutige Antwort der Gotteskrieger auf seinen Luftkrieg in Syrien, der auch nach fünf Wochen keine nennenswerten Erfolge zu verzeichnen hat. Kurz nach dem Unglück behauptete der "Islamische Staat" in einer Internetbotschaft, das Flugzeug mit "über 200 russischen Kreuzrittern" sei von "den Soldaten des Kalifates" über dem Sinai zerstört worden. Das sei die Rache "für die Dutzenden, die täglich in Syrien durch eure Bombenflugzeuge getötet werden".

Putin muss sich mit Kritik an Kairo zurückhalten

Sollte der Sprengsatz in Scharm al-Scheich an Bord geschmuggelt worden sein, kann Putins Kritik an Kairo jedoch nicht zu laut ausfallen. Schließlich ist Ägyptens Machthaber Abdel Fattah al-Sissi seit dem Umsturz im Sommer 2013 neben Syriens Staatspräsident Bashar al-Assad zum engsten Verbündeten des Kremls im Nahen Osten aufgestiegen. Um dennoch Entschiedenheit zu demonstrieren, könnte Putin seinen Krieg in Syrien eskalieren – also deutlich mehr Luftangriffe gegen den IS anordnen sowie am Boden stärker als bisher in den Bürgerkrieg eingreifen.

Für Ägyptens starken Mann Abdel Fattah al-Sissi wäre eine IS-Terrortat auf ägyptischem Territorium eine ökonomische und politische Katastrophe, die auch der eigenen Macht gefährlich werden könnte. Der Ex-Feldmarschall war vor zwei Jahren angetreten mit dem Versprechen, den Terrorismus in Ägypten zu beenden. Dabei stilisierte er sich zum globalen Vorkämpfer gegen islamische Extremisten.

In Wirklichkeit ist die Zahl der Anschläge auf dem Sinai, aber auch im Niltal, seither permanent gestiegen. "Al-Sissis Strategie gegen den Terrorismus ist ein Bilderbuch-Fall, wie man es nicht machen sollte", urteilte Daniel Byman, Anti-Terror-Experte der renommierten Brookings Institution in Washington. Al-Sissi setze alle islamistischen Politiker und Aktivisten pauschal mit militanten Kämpfern gleich und verbreite so die Botschaft: "Ein friedliches Engagement in der Politik gibt es nicht, wenn du ein Islamist bist."

Aber auch andere Probleme wachsen dem ägyptischen Präsidenten über den Kopf. Die Devisenreserven sind alarmierend knapp geworden, weil die bisherigen Gönner am Golf seit März nicht mehr nachlegen. Die Inflation ist hoch, die Wirtschaft stagniert und obendrein droht ein Zusammenbruch des Tourismus.