Für einen Staatschef, der ab nächsten Montag den UN-Klimagipfel zur Reduzierung der Treibhausgase beherbergt, ist die CO2-Bilanz des François Hollande diese Woche desaströs. Gestern flog Frankreichs Präsident nach Washington zu Barack Obama, morgen geht es nach Moskau zu Wladimir Putin. Davor empfing er - im heimischen Élysée-Palast - den britischen Regierungschef David Cameron. Heute Abend wird Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris erwartet. Am Freitag folgt noch ein Kurztrip nach Malta, wo Hollande am Rande des Commonwealth-Gipfels mit dem kanadischen Premier Justin Trudeau speisen wird. Und am Sonntag, wieder in Paris, sitzt er mit Chinas Präsident Xi Jinping zu Tisch.

Im Präsidialbüro machen Hollandes Mitarbeiter aus ihrem Stolz keinen Hehl. "Das hat die Welt noch nicht gesehen! In einer einzigen Woche trifft der Präsident alle Mitglieder des UN-Sicherheitsrats", sagt ein Berater begeistert. "Frankreich führt die Offensive an allen Fronten."

Die Wortwahl ist seit den Pariser Attentaten vom 13. November kriegstrunken. Auch der Staatschef versteht sich in diesen Tagen vor allem als Kriegsherr, der in die Geschichte als Bezwinger der Terrororganisation "Islamischer Staat" eingehen will. "Wir wollen den IS überall zerstören, wo er ist", sagte er in Washington.

"Es gibt keine Strategie"

Da Frankreich das alleine allerdings nicht vermag, auch nicht mit Hilfe der Amerikaner und Russen, die wie Frankreich, aber mit höchst unterschiedlichen Zielen, ihre Luftwaffe einsetzen, versucht Hollande nun eine Anti-IS-Koalition auf die Beine zu stellen. Jean-Christophe Cambadélis, Generalsekretär der französischen Sozialisten, scheut nicht den schiefen Vergleich mit der Jalta-Konferenz im Februar 1945. Damals zurrten die Alliierten ihre Einflusszonen im Nachkriegsdeutschland fest. "Wir bewegen uns auf ein Jalta gegen den IS zu", sagt Cambadélis. "Heute wird jedem klar, dass es nicht mehr darum geht, den IS zurückzudrängen, sondern darum, ihn zu vernichten."

Doch wie steht es eigentlich um die Strategie hinter all den markigen Worten und den Meldungen über die seit den Attentaten verstärkten Angriffe der französischen Luftwaffe auf IS-Stellungen in Syrien und dem Irak? Seit Wochenbeginn dürfen die Franzosen am heimischen Bildschirm und auch über den Twitter-Account des Generalstabs mitverfolgen, wie Rafale-Kampfjets von dem Flugzeugträger Charles de Gaulle im Mittelmeer zu den Angriffen starten. Sie sind fast live dabei, wenn die Bomben ausgeklinkt werden. Sie wissen jetzt genau darüber Bescheid, dass die Piloten statt der üblichen 1.600 Meter Startbahn nur 75 Meter zur Verfügung haben und einen "ungeheuren Druck" aushalten müssen: Die Jets beschleunigen in weniger als drei Sekunden auf 250 Stundenkilometer.

Und was kommt danach? "Der Staatschef hat allen Grund, schärfere Töne anzuschlagen, aber wir dürfen nicht naiv sein", warnte Vincent Desportes, französischer Heeresgeneral, gerade in der Zeitschrift Challenges. "Es gibt keine Strategie, keine Vision und auch keine Konvergenz zwischen den Ländern. Man sitzt zusammen, ist sich aber über sehr wenige Dinge einig."

Besonders deutlich dürfte dies erneut heute Abend beim Kurzbesuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris werden. Merkel kommt spät, sie landet um 19 Uhr, und dies ist wohl nicht nur dem Terminplan geschuldet. Denn die Meinungsverschiedenheiten zwischen Berlin und Paris sind groß und die im Dunkeln sieht man nicht. Hollande will seine Fotoserie mit wichtigen Weltpolitikern vervollständigen, Merkel auf jeden Fall Aussagen über ein militärisches Engagement der Bundeswehr in Syrien vermeiden.