Wenn Frankreichs Parlamentarier sich in Versailles versammeln, vor den Toren von Paris, dann ist entweder Gravierendes vorgefallen, oder es stehen nicht alltägliche Entscheidungen an. So war es nicht überraschend, dass Staatschef François Hollande die gut 900 Vertreter der Nationalversammlung und des Senats, der zweiten Kammer, am Montagnachmittag in das Prunkschloss lud. Nach den Terroranschlägen vom Freitag, bei denen 129 Menschen starben und mehrere Hundert zum Teil schwer verletzt wurden, will der Präsident die Verfassung ändern lassen. "Damit Frankreich ein freies Land bleiben kann", verkündete er. 

Die aktuellen Ereignisse zu den Terroranschlägen in Paris lesen Sie in unserem Live-Blog.

Der in der Nacht zum Samstag ausgerufene Ausnahmezustand soll noch in dieser Woche auf drei Monate verlängert werden. Polizei, Justiz und Zollbehörden will Hollande zudem mit mehr Mitteln und Personal ausstatten, um besser gegen die Terrorgefahr zu kämpfen.

"Frankreich befindet sich im Krieg", sagte Hollande erneut, wie bereits am Wochenende. Er habe deshalb den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen angerufen, damit dieser "so schnell wie möglich in einer Resolution den Willen zum gemeinsamen Kampf gegen den Terror bekundet". Bis dahin werde Frankreich seine Luftangriffe gegen Stellungen des "Islamischen Staats" in Syrien verstärken. Am Donnerstag wird sich der Flugzeugträger Charles de Gaulle in die Region aufmachen, kündigte der Präsident an.

Die Botschaft ist klar: Frankreich wird keinen Zentimeter vor den Terroristen zurückweichen. Im Gegenteil. Frankreich will seinen Schutzwall verstärken. Ausländer, die eine Bedrohung darstellen, sollen künftig einfacher abgeschoben werden können. Wer die französische und eine weitere Staatsbürgerschaft innehat, dem soll im Zweifelsfall dennoch der Zutritt auf französisches Staatsgebiet verweigert werden. Und wer ein Risiko darstellt, dem wird dann der französische Pass entzogen.

Für eine Verfassungsänderung und bereits die Verlängerung des Ausnahmezustands benötigt der Präsident die Zustimmung der Parlamentarier. Doch in seltener Übereinkunft haben ihm alle Parteien dafür bereits ihre Zustimmung zugesichert.

Manche wünschen sich noch mehr Überwachung

Die Bevölkerung nimmt den Ausnahmezustand seit Tagen meist gelassen hin. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Hausarrest für Menschen, die eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen könnten, Hausdurchsuchungen bei Tag und Nacht oder die Konfiszierung von Waffen, das sind für die meisten Passagiere, die an diesem Montag am Pariser Gare du Nord auf einen Zug warteten, nur theoretische Begriffe.

An den Grenzen finden jetzt wieder Kontrollen statt. Schön, wo ist das Problem? Eine junge Frau wünscht sich sogar noch ein bisschen mehr Überwachung: "Ich bin gerne bereit, all mein Gepäck herzuzeigen, meine Tasche zu öffnen, mich abtasten zu lassen." Seit Freitag hätten sich die Dinge eben geändert. Aber Guillaume Pepy, Chef der Staatsbahn SNCF, winkt ab. Eine systematische Gepäckkontrolle sei "nicht realisierbar". Nur Stichproben.

Pierre-Yves, der lange gezögert hat, die geplante Reise im Thalys-Schnellzug nach Lüttich in Belgien anzutreten, ist deshalb unruhig, als er einsteigt. Im August erst hatten nur Glück und das Eingreifen beherzter Passagiere verhindert, dass ein schwer bewaffneter Attentäter in einem Thalys von Amsterdam nach Paris morden konnte. Mehrere der Terroristen vom Freitag hatten in Belgien gewohnt. "Ich schaue mir die Leute an, die mich umgeben", sagt Pierre-Yves. "Ich versuche, mich im Zug zu bewegen, nicht lange auf einem Fleck sitzen zu bleiben und schon gar nicht in der Nähe von einer Menschenansammlung."