Die erste Spur führte über einen Parkschein nach Brüssel. Er wurde nach den Terroranschlägen in Paris in einem Mietauto mit belgischem Kennzeichen vor dem Bataclan-Konzertsaal gefunden. Das Papierstück in dem grauen VW Polo stammte aus Molenbeek, einem Stadtteil im Westen der belgischen Hauptstadt. Es folgte ein mittlerweile bekanntes Szenario: Hausdurchsuchungen in Molenbeek. Am Samstag und in der Nacht auf Sonntag wurden insgesamt sieben Verdächtige festgenommen, fünf wurden kurz darauf wieder freigelassen. Inzwischen ist bekannt, dass Brahim Abdeslam, ein französischer Bewohner des Viertels, einer der Pariser Selbstmord-Attentäter war. Sein Bruder Salah, der das Auto gemietet hat, ist verschwunden.

Am Sonntag sagte Charles Michel, der belgische Premier: "Ich stelle fest, dass es beinahe immer eine Verbindung zu Molenbeek gibt. Das ist ein gigantisches Problem." Man kann Michel kaum widersprechen: Amedy Coulibaly, Geiselnehmer des koscheren Supermarkts von Paris im Januar, soll hier ebenso Waffen gekauft haben wie Mehdi Nemmouche, der Attentäter auf das Brüsseler Jüdische Museum 2014. Die Schwester des verhinderten Thalys-Attentäters Ayoub El-Khazzani wohnte hier, er selbst vorübergehend auch. Nach seiner Festnahme Ende August wurden zwei Häuser durchsucht. Als die belgische Polizei zu Jahresbeginn eine Terrorzelle aushob, war das Quartier erneut im Fokus: neun von 13 Festgenommenen stammten von dort.

50 Prozent der Jugend ist arbeitslos

Molenbeek, bekannt als eine der ärmsten Gegenden Brüssels, ist seit der Jahrtausendwende von gut 70.000 auf 95.000 Bewohner angewachsen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei rund 50 Prozent, der Anteil der muslimischen Bevölkerung knapp unter 40 Prozent. Fußballinteressierte kennen die Gegend, weil Rekordmeister RSC Anderlecht und der Zweitligist FC Brüssel in der Nähe ansässig sind. Der Name klingt eigentlich idyllisch: Mühlenbach. Doch in den letzten Jahren ist Molenbeek vor allem wegen des militanten islamischen Fundamentalismus bekannt. 

In Belgien ist die Zahl der Dschihadisten besonders groß: Mehr als 400 Kämpfer haben sich dem IS angeschlossen. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist Belgien damit das wichtigste Rekrutierungsland Westeuropas. Und jenseits des Kanals Charleroi-Brüssel, in Molenbeek, scheint sein Epizentrum zu liegen.

Françoise Schepmans, die Bürgermeisterin Molenbeeks, sagte dem frankophonen TV-Sender RTBF am Wochenende, man habe es nun möglicherweise mit einem Netzwerk zu tun. Und Innenminister Jan Jambon räumte im flämischen Sender VRT ein: "Wir haben die Situation in Molenbeek nicht unter Kontrolle." Viel anderes blieb ihm nicht übrig, zumal in Paris inzwischen ein zweites Auto mit belgischem Kennzeichen aufgetaucht war, ein schwarzer Seat, ebenfalls von den Abdeslam-Brüdern angemietet. Jambon kündigte an, er werde Molenbeek eigenhändig "aufräumen". Unterstützung wird er nun von den französischen Behörden bekommen, die seit Sonntag gemeinsam mit den belgischen Kollegen in Brüssel ermitteln.