Welche Reaktion muss auf die Angriffe von Paris folgen? Der Blick fällt schnell auf Syrien. Und wird dabei zugleich wieder einmal verengt. Der Absender des Terrors ist ausgemacht: der "Islamische Staat". Im fünften Jahr des syrischen Kriegs war er schon vor Paris bildfüllend im Fokus. Die USA etwa schauten durch die Brille der nationalen Sicherheit hin – und kamen zu dem Schluss: Der IS ist eine Bedrohung, er muss vernichtet werden. Sagte Präsident Obama, gab sich aber eigentlich damit zufrieden, den Vormarsch der Terrormiliz im Irak und in Syrien zu bremsen und die Organisation zu schwächen, die Gefahr also lediglich einzudämmen – Völkermord und Bürgerkrieg zu stoppen, darum ging es gar nicht vorrangig.

Es ist dieser Tunnelblick, der auch die französische Reaktion auf die Attentate von Paris bestimmt. Präsident Hollande sprach von einem Kriegsakt des "Islamischen Staats", auf den man "gnadenlos" antworten werde. US-Außenminister Kerry betonte die gestärkte Entschlossenheit, "zurückzuschlagen". Ob diese harte Rhetorik, in die viele andere einstimmen, wirklich eine entscheidende Veränderung im Kampf gegen den IS bedeutet, ist noch nicht abzusehen. Vergeltung ist das eine, die Terrormiliz zu besiegen, etwas ganz anderes – selbst wenn man es nur militärisch betrachtet.

Natürlich ist es theoretisch möglich, den "Islamischen Staat" in Syrien und im Irak so zu treffen, dass er militärisch geschlagen wäre. In dem Sinne, dass seine Fähigkeiten und Rückzugsmöglichkeiten dezimiert würden, bis er den Kampf für sein Kalifat aufgeben muss. Er ist eben mehr als ein verstreutes Netzwerk von Extremisten, dessen Möglichkeiten zur Offensive auf den Terror begrenzt sind, wie es Al-Kaida war und ist: Der IS in Syrien und im Irak ist darüber hinaus eine Armee, die Territorium hält und Herrschaft ausübt – dem lässt sich durchaus militärisch begegnen.

Bomben bis zur nächsten Radikalisierungswelle

Das jedoch würde eine Intervention sehr viel größeren Ausmaßes erfordern, als die involvierten Länder derzeit bereit sind zu leisten. Die bisherigen Luftangriffe sind limitiert und unterstützen vor allem die kurdischen Kräfte in Syrien und die irakische Armee. Sie bringen den IS an der Peripherie seines Herrschaftsgebiets durchaus in Bedrängnis – einen schnellen Weg, ihn aus den urbanen Zentren seiner Macht zu vertreiben, eröffnen sie nicht.

Daran ändern auch die französischen Luftangriffe auf das syrische Rakka – quasi die Hauptstadt des IS – vorerst nichts. Sie suggerieren, es sei vielleicht gar nicht so schwierig, man wisse nur Tage nach den Angriffen von Paris sehr genau, was man bombardieren müsse – warum also ist das nicht längst passiert?

Vielleicht sind gerade die USA ja doch zimperlicher, als man ihnen nachsagt, was die Inkaufnahme ziviler Opfer als Kollateralschäden angeht. Denn alle, die fordern, den IS endlich militärisch zu zerstören, müssen wissen, was das bedeuten würde. Aus der Luft einfach alles dem Erdboden gleich zu machen, kann nicht die Lösung sein, will man nicht auf einen Schlag Abertausende neue Fanatiker erschaffen. Rakka und andere Städte zurückzuerobern, wird deshalb nicht ohne Bodentruppen möglich sein, Zehntausende in jedem Fall, wie amerikanische Militärexperten vorrechnen.

Denken lässt sich eine solche Offensive leicht, sie könnte auch das oben genannte rein militärische Ziel erreichen. Doch es wird nicht dazu kommen. Als Argument für diese Zurückhaltung muss man nicht einmal die Erfahrungen mit früheren Interventionen bemühen, die über die aktuelle Situation im Irak und in Syrien auch nur wenig aussagen können. Wäre der Fokus allein auf die Zerstörung des IS gelegt, ohne dass jeweils ein tragfähiger Staat entstünde, der die ihn begünstigenden Konflikte zu befrieden vermag – der Erfolg wäre nur temporär, die nächste Radikalisierungswelle absehbar. Im Irak mag die Situation mit der bestehenden Regierung als Partner besser sein, doch insbesondere in Syrien wäre nach diesem Sieg noch nicht viel gewonnen. Der Terror unter diesem Namen wäre vielleicht ausgeschaltet, Stabilität würde das noch lange nicht bedeuten.