Der Sieger der türkischen Neuwahl ist Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan. Medien in Europa sind sich weitgehend einig, dass der eindeutige Wahlsieg der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) ein schlechtes Signal für die Türkei und seine Beziehungen zu Europa ist.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt, Erdoğan habe die Türkei in ein "ängstliches, in ein paranoides Land verwandelt". Statt ein stabilisierender Faktor an der Grenze zu den Ländern des Nahen Ostens zu sein, "ist die Türkei selbst ein Land in großer Not".

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist es wahrscheinlich, dass eine Demokratisierung des Landes ausfallen wird: "Niemand in der AKP ist stark genug, um sich allein gegen Erdoğan zu stellen." Doch eine Gruppe um den früheren Staatspräsidenten Abdullah Gül und Erdoğans einstigen Stellvertreter Bülent Arınç könnte diesen Kampf aufnehmen, heißt es weiter. "Wagt sie das nicht, wird die AKP noch stärker als bisher zum reinen Machterhaltungsapparat verkommen."

Der britische Guardian sieht die Türkei nach der Wahl beschädigt: "Ihre unabhängigen Institutionen wurden geschwächt, ihre verfassungsrechtlichen Regeln wurden missachtet, die Beziehung zwischen ethnischen Türken und Kurden hat sich verschlechtert, und die Türkei steckt wieder in einem Krieg, von dem sie dachte, er sei vorbei." Es sei typisch für Erdoğan, dass er "nicht einen Moment lang die zeremonielle Rolle oberhalb der Politik eingenommen hat, die die Verfassung für ihn vorsieht seit er das Präsidentenamt übernommen hat. Er wird weiterhin versuchen, von ihm gewollte Veränderungen durchzusetzen und wenn er es nicht schafft, wird er so tun, als seien sie schon geschehen."

Die französische Regionalzeitung Dernières Nouvelles d'Alsace kommentiert: Der Parteichef der AKP träume schon lange davon, "als neuer Sultan aufzutreten. Nun sieht er seinen Traum erfüllt." Mit dieser Wahl habe er auch einen Blankoscheck für seinen Kampf gegen die Kurden erhalten. "Zum Glück bleibt die (prokurdische) HDP im Parlament vertreten, wenn auch knapp." Das dürfte der Türkei eine zusätzliche Gewalteskalation ersparen. "Alles Übrige liegt nun in den Händen Erdoğans. Das ist keine beruhigende Perspektive."

Der Tagesanzeiger aus Zürich kritisiert Erdoğans "Allmachtsfantasien": "Sie lähmen das Land und erschrecken die EU." In der Flüchtlingskrise sei die EU auf Hilfe aus Ankara angewiesen, um das Migrationsdrama auf menschlich vertretbare Weise zu bewältigen. "Deshalb wird Erdoğan von Brüssel und Berlin mit Samthandschuhen angefasst und die türkische Opposition weitgehend ignoriert. Diese Strategie wird aber längerfristig keinen Erfolg zeitigen. Die EU darf nicht Autokraten belohnen, sondern Demokraten."

Die links-liberale ungarische Tageszeitung Népszabadság sieht für Erdoğan nach der Wahl zwei Optionen: "Entweder er setzt seinen Willen aus Wut mit noch härteren autoritären Mitteln durch oder er erkennt an, dass die Türken nicht wollen, dass er sich in einen allmächtigen Sultan verwandelt."

Die liberale dänische Tageszeitung Politiken sieht es als entscheidend an, dass die neue Führung Partei für die Demokratie ergreift. "Nur mit diesem Antrieb und mit der Stärkung der Verbindungen zu der EU kann Erdoğan das mächtige Potenzial seines Landes entfalten. Ein Beschneiden der Demokratie und eine Diskriminierung seiner Kritiker wird die Türkei nur schwächen."

Das Video zeigt die Parlamentswahlen in der Türkei, aus welchen die AKP als Sieger hervorging.