Gerade einmal vier Tage dauerte es, bis die Häscher seine Adresse ausfindig machten. Am 12. Januar 2014 hatten die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) Rakka eingenommen, eine schmucklose Stadt mit ein paar hunderttausend Einwohnern im Norden Syriens. Am 16. Januar 2014 standen die bärtigen Männer mit den Sturmgewehren schon in seiner Wohnung. Zweifellos um ihn mitzunehmen, zu foltern und wahrscheinlich zu töten. 

Es war Zufall, dass Abdalaziz an jenem Tag nicht zuhause war. Es war Glück, dass es seinen Freunden rechtzeitig gelang, ihn zu warnen. Und es war seine Rettung, dass Abdalaziz einen Freund hatte, der ihm ähnlich sieht und ihm seinen Reisepass überließ.

Zwei Tage versteckte sich Abdalaziz in der Nähe von Rakka, dann floh er in die Türkei. Später, im Juli 2014, floh er weiter: Nach Berlin.

"Wenn der IS uns zu töten versucht, dann zeigt das, dass unsere Arbeit wichtig ist", sagt er. Das ist sie: Abdalaziz ist einer der Gründer der Gruppe "Raqqa is being slaughtered silently" (RIBSS). Eine der ganz wenigen und gewiss die wichtigste Vereinigung von Widerstandskämpfern gegen den IS. 

Abdelaziz sitzt in Jeans und Kapuzenpulli und mit Wollmütze auf dem Kopf am Tisch. Er ist jetzt hier, in Berlin, aber er ist zugleich nicht hier. Drei Mal bestellt er Kaffee, doch er nimmt keinen einzigen Schluck. Wenn er erzählt, liest er parallel die Nachrichten, die auf seinem Handy einlaufen. Sie sind im Zweifel wichtiger als das Gespräch. Denn es sind geheime Botschaften aus Rakka darunter, seiner Heimatstadt, die mittlerweile zur Hauptstadt des vom IS ausgerufenen "Kalifats" geworden ist. Lebenszeichen seiner Mitverschwörer, die unter der Terrorherrschaft ausharren und Splitter von Wahrheit nach draußen funken, um der IS-Propaganda etwas entgegenzusetzen.

Wahnsinnige Erlasse und Lebensmittelknappheit

Es können Fotos sein, die auf Abdalaziz' Handy ankommen, etwa von Warteschlangen vor den Lebensmittelgeschäften, die Knappheit dokumentieren, wo der IS von Fülle und Überfluss fantasiert. Oder Kopien der neuesten wahnsinnigen Erlassen des IS. Es können aber auch Angaben über die genauen Orte sein, an denen die Bomben der Anti-IS-Allianz oder, neuerdings, der russischen Luftwaffe eingeschlagen sind. Oder ein paar hastige Zeilen darüber, wo die Terroristen gerade Checkpoints einrichten, um Dissidenten aufzuspüren.

Der IS nahm Rakka damals nicht im Handstreich, sondern Schritt für Schritt. Von Juni 2013 an tummelten sich die "Freie Syrische Armee", in der sich desertierte Soldaten des Regimes zusammengeschlossen hatten, Kämpfer des Al-Kaida-Ablegers "Jabhat al-Nusra" und die ersten Kader des von Al-Kaida abgespaltenen "Islamischen Staats" gleichzeitig in der Stadt; keine Partei hatte die Übermacht. Doch der IS verhielt sich am aggressivsten. Die Gruppe entführte missliebige Personen oder ließ sie verschwinden. Griff FSA-Positionen an. Verschleppte Aktivisten, die zu Beginn des Aufstandes gegen das syrische Regime friedliche Demonstrationen für Demokratie und Menschenrechte organisiert hatten. Nach und nach traten 90 Prozent der Nusra-Kämpfer zum IS über. Haus um Haus, Straße um Straße baute der IS so sein Einflussgebiet in Rakka aus. Eine Zeit lang war es noch möglich, Demonstrationen gegen den IS auf die Straße zu bringen, aber bald hatte das ein Ende. Denn die FSA unterlag dem IS in der entscheidenden Schlacht, und da erst, im Januar 2014, nahmen die Dschihadisten Rakka komplett ein.

Die Welt sah weg

Rakka war die erste syrische Großstadt in der Hand des IS. Aber es gab keinen Aufschrei in der Welt, als es passierte. So jedenfalls kam es Abdalaziz und seinen Freunden vor. Der IS brachte alle FSA-Kämpfer um, derer er habhaft werden konnte. Er verbot Tabak und Alkohol; zwang Frauen unter bodenlange Gewänder und hinter Gesichtsschleier; richtete islamische Gerichtshöfe ein, die barbarische Strafen aussprachen und umsetzen – aber kein Aufschrei in der Welt.

Rakka, so empfanden es Abdalaziz und seine Freunde, wurde in aller Stille abgeschlachtet. Und genau so nannten sie die Gruppe, die sie im April 2014 formten, um daran etwas zu ändern: "Raqqa is being slaughtered silently". Das war drei Monate bevor der IS die irakische Stadt Mossul einnahm, sein "Kalifat" ausrief und erstmals zu einem international wahrgenommenen Akteur auf der Weltbühne wurde. 

Abdalaziz und seine Freunde kannten sich zum Teil von der Uni, vor allem aber daher, dass sie gemeinsam auf die Straße gegangen waren. Zu Beginn des Aufstandes, als es noch darum ging, dem Assad-Regime Freiheiten abzuringen, den "arabischen Frühling" in die Betonrepublik Syrien zu holen. "Du konntest alles tun und lassen in Syrien", erinnert sich Abdalaziz, "außer über Politik reden. Aber wir wollten offen reden. Wir forderten Freiheit, doch das Regime schoss auf uns."

Sie hatten sich der Medienarbeit verschrieben, Abdalaziz etwa berichtete von den Demonstrationen, aber auch von den ersten Gefechten, nachdem das Regime begann, zurück zu schlagen und sich Teile der Opposition bewaffneten, um sich zu wehren. Drei Mal warf das Regime ihn ins Gefängnis, einmal 40 Tage am Stück, 60 Mann in einer Zelle. Er wurde mit Strom gefoltert. Wurde freigelassen, berichtete weiter. Und als die Dschihadisten auftauchten, berichtete er auch über sie.

Die Todeslisten diktierten die Aufgabenteilung

Ein Computer, eine Kamera, eine Internetverbindung: Das war die Grundlage ihres Widerstandes gegen Assads Regime gewesen. Und mit denselben Mitteln beschlossen Abdalaziz und seine Freunde, auch den IS anzugehen, der ihre Heimatstadt übernommen hatte. Um ihn als kriminelle Mörderbande bloßzustellen.

Die Todeslisten des IS diktierten die Aufgabenteilung: Wer fliehen musste, weil er zu bekannt und sein Leben in Gefahr war, floh in die Türkei. In Gaziantep, nahe der syrischen Grenze, ließ sich ein halbes Dutzend RIBSS-Aktivisten nieder. Sie teilten sich kleine Wohnung und suchten sich Jobs, um die Miete zahlen und ihre eigentliche Arbeit finanzieren zu können.

Die übrigen blieben in Rakka. Die Nachrichten, die sie und später hinzugekommene Aktivisten seither übermitteln, werden von den Mitgliedern im Exil gesammelt, aufbereitet, in Kontext gesetzt und veröffentlicht. Auf Twitter, auf Facebook, auf Arabisch, und in Englisch. Zehntausende Menschen lesen diese Nachrichten. Syrische Exilanten, Journalisten, Diplomaten. Aus Sicherheitsgründen kennen sich die Korrespondenten in Rakka nicht untereinander. Und keiner von ihnen hat auch nur seiner Familie oder seinen Freunden offenbart, woran er da beteiligt ist.

Denn der IS will allein bestimmen, welche "Nachrichten" aus dem Kalifat nach draußen dringen. Er lässt keine Opposition zu. Keine abweichende Meinung. Es soll nur seine Wahrheit geben, und die gilt mittlerweile für sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder in weiten Teilen Syriens und des Iraks, und Rakka ist das Epizentrum. Wer sich dagegen auflehnt, wird gesucht, misshandelt, verhaftet, ermordet.

"RIBSS sind die Speerspitze im Kampf gegen IS aus dem Inneren heraus", sagt der Londoner Terrorexperte Shiraz Maher vom renommierten Kings College. "Ihre Kampagne des zivilen Ungehorsams ist unglaublich mutig und nobel. RIBSS dokumentiert den täglichen Horror des Alltags unter IS-Herrschaft, das ist ein extrem wichtiges Gegengewicht zur Propaganda des IS."

Der Historiker Michael Wolffsohn verglich RIBSS kürzlich mit der Widerstandsgruppe "Die weiße Rose" aus der Nazi-Zeit, deren Mitglieder Flugzettel in München verteilt hatten, um auf die Gräuel der Nationalsozialisten aufmerksam zu machen. Heute erhält RIBSS in New York den "International Press Freedom Award" des Committee to Protect Journalists.

AFP/Getty
Wer kämpft in Syrien?

Wer kämpft in Syrien?

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Zerrissenes Land

Mehr als 400.000 Menschen sind in Syrien getötet worden, seit der Konflikt im Frühjahr 2011 als friedlicher Protest gegen die Regierung begann. Das Assad-Regime reagierte mit Gewalt, seine Gegner griffen zu den Waffen – heute herrscht Bürgerkrieg.

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Wer kämpft in Syrien?

Seit Beginn des Bürgerkriegs sind große Teile Syriens der Kontrolle des Regimes entglitten. Sie werden von unterschiedlichsten Milizen gehalten. Auch von außen erfahren die Kriegsparteien Unterstützung, und andere Länder greifen in den Krieg ein.

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Wer kämpft in Syrien?

Verhandlungen für eine politische Lösung sind immer wieder gescheitert, ebenso mehrere Waffenruhen. Humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung ist kaum möglich. So bleibt es dabei: Jeder kämpft seinen eigenen Krieg, ein Frieden ist nicht in Sicht.

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Einer von denen, die den Preis im Namen von RIBSS entgegennehmen, wird Abdalaziz sein. Vermutlich wird er auch in New York etwas verloren auf der Bühne stehen, ein klapperdürrer, gut aussehender Mann mit Fünftagebart, der jünger wirkt als 24. Falls er dort das Wort ergreifen sollte, wird er es vermutlich in dieser überraschend leisen, fast schüchternen Stimme tun, mit der er in Berlin berichtet, und man wird ihm wahrscheinlich auch in New York anmerken, dass er innerlich an einem anderen Ort sein wird.

Was ist ein Preis, den man erhält, verglichen mit dem Preis, den der IS den Mitgliedern von RIBSS abverlangt?

Der IS hasst RIBSS

Am 27. Oktober, vor nicht einmal einem Monat, telefonierte Abdalaziz mit zwei seiner Mitstreiter, Ibrahim und Fares, in der türkischen Stadt Sanliurfa. Am 28. Oktober waren beide tot. Ermordet vom IS. Ihre Kehlen waren durchgeschnitten. "Ihr seid nirgends vor unserer Klinge sicher", lautete die Botschaft, die der IS hinterließ. Abdalaziz war gerade dabei gewesen, einen der beiden jungen Männer nach Berlin zu holen. Ihre Bilder zieren jetzt seine Facebook-Seite.

Ibrahim und Fares sind nur die letzten RIBSS-Opfer des IS. Die Gruppe hatte ihre Arbeit gerade aufgenommen, als im Mai 2014 einer der Korrespondenten in Rakka in einen IS-Checkpoint geriet. Die Terroristen fanden seinen Rechner, die Bilder auf dem Mobiltelefon. Sie inhaftierten ihn für vier Wochen, dann töteten sie ihn.

Damals stand die Gruppe vor der Frage, ob sie überhaupt weitermachen sollte. Abdalaziz und seine Kollegen in der Türkei wollten aufgeben: zu gefährlich. Sie informierten ihre Informanten in Rakka. Doch die wollten davon nichts wissen. "Sie sagten, sie würden weitermachen, auch ohne uns", sagt Abdalaziz. Also machten sie alle weiter.

Sie deckten auf, dass der IS seine Kämpfer in eigenen, gut ausgestatteten Krankenhäusern behandeln lässt, die gewöhnlichen Bürger aber nicht. Dass der IS zwangsweise Blutspenden verordnet hat. Dass der jordanische Pilot, dessen Verbrennung der IS im Januar 2015 inszenierte, schon einen Monat zuvor ermordet worden war.

Und manchmal machen sie sich auch noch über die Kopfabschneider lustig. Hängen zum Beispiel nachts satirische Anti-IS-Plakate in Rakka auf und filmen sich dabei. Oder verteilen 10.000 Exemplare eine Anti-IS-Magazins im "Kalifat". Ein Cartoon zeigt die Ausbildung an der "Medizinischen Hochschule" des IS: Womit heilt man Kopfschmerzen? Antwort: Durch Köpfen!

Der IS hasst RIBSS. In der Freitagspredigt in Rakka wurden die Aktivisten als Ungläubige gebrandmarkt, die den Tod verdienen. 

"Vielleicht bin ich der nächste"

Ist es denkbar, dass der IS Häscher bis nach Deutschland schickt, um zum Beispiel Abdalaziz aufzuspüren? Immerhin ist der IS die Gruppe, die gerade ein Blutbad in Paris hat organisieren lassen. "Vielleicht bin ich der nächste", sagt Abdalaziz achselzuckend. "Ich weiß nur, dass ich nicht aufhöre. Wir alle haben einander versprochen, weiterzumachen, falls den anderen etwas zustößt. Das ist jetzt mein Leben."

Es ist erstaunlich, wirklich erstaunlich, dass eine so eindeutig sinnvolle und wichtige Gruppe wie RIBSS so wenig Unterstützung erfährt. Eine amerikanische NGO sponsert sie ein wenig, das ist alles. Das Geld geht vor allem an Übersetzer, denn RIBSS will, dass ihr Material in gutem Englisch verfügbar ist.

Es wäre so einfach, ihre Arbeit abzusichern. Ein Büro in einem sicheren EU-Land, weil die Türkei offensichtlich nicht mehr sicher ist, dazu einen professionellen Dolmetscher und ein bisschen Technik. Mehr bräuchte es nicht, sagt Abdalaziz. "Wieso macht die EU das nicht?"

Ja, das ist eine gute Frage. Wieso macht die EU das nicht längst?

Abdalaziz verabschiedet sich, den Kaffee lässt er unberührt zurück. Drei Tage später schreibt er auf seiner Facebook-Seite: "Meine Freunde in Paris, ich bin so froh, dass ihr alle okay seid, es tut mir so leid, was in Paris geschehen ist, den Familien der Angehörigen gilt meine Anteilnahme." Die französische Luftwaffe bombardiert derweil IS-Stellungen in Rakka.

Terrorismus - Die Ziele des "Islamischen Staats" Welche Ziele verfolgt die Terrororganisation "Islamischer Staat" mit Anschlägen, zum Beispiel denen von Paris? Yassin Musharbash schätzt die Absichten des IS im Video ein.