Das Fest der Volkseinheit beginnt mit einem Streit. Die junge Polizistin mit blondem Zopf und Pelzmütze lässt zwei Männer um die 60 nicht durch die Absperrung an der Moskauer Prachtstraße Twerskaja. Sie kommen zu spät. "Hier lassen wir niemanden rein", sagt die Polizistin. "Wozu dann die Schranke mit dem Metalldetektor?", schimpft einer der Männer. Unter dem Arm hat er eine zusammengerollte Russland-Flagge. "Wenn Sie so wild aufs Flaggenschwenken sind, hätten Sie pünktlich zum Treffpunkt kommen sollen", sagt ein groß gewachsener Polizist. Die Männer fluchen leise und drehen um.

Wie jede Großveranstaltung in der russischen Hauptstadt ist die Demonstration zum Tag der Volkseinheit staatlich genehmigt und streng bewacht von der Polizei. Hinter der Absperrung an der russischen Staatsduma ziehen Menschen mit Russland-Flaggen vorbei. Auf den Block des Verbands der Bildenden Künstler Russlands folgen die Studenten der Ersten Kosaken-Universität, sie rufen "Russland, Russland". Ihnen folgen Gruppen von jungen Männern aus Tschetschenien, begleitet von einem Fernsehteam.

Die Ironie bei der Sache: Der Einheitsfeier kann sich trotz der Betonung der lebendigen russischen Staatsbürgernation kein Fußgänger spontan anschließen, obwohl hinter der Absperrung längst kein Gedränge herrscht. Die Organisatoren von der Gesellschaftlichen Kammer der Duma, einer Art Koordinationsstelle für kremltreue NGOs, überlassen bei dem Festumzug nichts dem Zufall. Die Bilder der Fernsehkameras müssen stimmen. Schließlich geht es darum, das friedliche Miteinander der Völker Russlands zu inszenieren – oder wie Wladimir Putin es formulierte, einer "vielgestaltigen, aber monolithischen russischen Nation", getragen von der russischen Kultur und traditionellen Werten. Mit dieser Floskel will der Präsident auch die 15 Millionen russischen Muslime umgarnen.

Irgendwie gehört auch der Islam dazu

Erst im September eröffnete Putin im Beisein des türkischen Präsidenten Erdoğan und des Palästinenserführers Mahmud Abbas die größte Moschee des Landes. 10.000 Gläubigen bietet sie Platz. In seiner Ansprache geißelte Putin den islamistischen Terrorismus, der den Islam pervertiere. Der wahre Islam hingegen sei neben dem orthodoxen Christentum eine der "Grundfesten der russischen Staatlichkeit".

Der Mehrheit der Russen dürfte bei diesen Worten nicht ganz so wohl gewesen sein, die Erinnerung an die islamistischen Anschläge der 2000er ist noch lebendig. Slogans der militanten Nationalisten wie "Es reicht, den Kaukasus zu füttern" und "Russland den Russen" teilt nach Umfragen rund die Hälfte der Bevölkerung. 57 Prozent der Befragten halten das muslimische Tschetschenien nicht für russisches Territorium – während kremltreue Ideologen wie der konservative Publizist Alexander Prochanow Tschetschenien in der regierungsnahen Zeitung Iswestija als "Wächterin der Südgrenzen Russlands" feiert. Jedes kleinste Volk Russlands sei "staatstragend", schreibt Prochanow. Bis zu den Vermietern in Moskau scheint dies jedoch noch nicht vorgedrungen zu sein, die Wohnungsanzeigen in der Hauptstadt richten sich oft nur an "Slawen". Gemeint ist damit: keine Gastarbeiter aus Zentralasien, und keine Kaukasier – obwohl sie russische Staatsbürger sind.

Die Kluft zwischen der Politik des Kremls und den Einstellungen der einfachen Russen ist unübersehbar. Kann die von Putin angestrebte Staatsbürgernation überhaupt gelingen? Nach Veranstalterangaben marschierten heute 80.000 Menschen durch Moskau, den meisten Russen ist der Tag der Volkseinheit jedenfalls ziemlich egal. Viele verstehen den Tag als einen schlechten Ersatz des Kremls für den 7. November, den Jahrestag der kommunistischen Oktoberrevolution, der die Kommunisten gleichzeitig schwächen und versöhnlich stimmen sollte. Auch zehn Jahre nach der Einführung des staatlichen Feiertages begeht ihn laut einer Umfrage des Moskauer Lewada-Zentrums nur ein Fünftel der Befragten. Da hilft auch das jährliche mediale Bombardement nicht.

"Ein Land, aber keine Nation"

Obgleich das Datum durchaus anschlussfähig für patriotische Gefühle wäre: Am 4. November 1612 nämlich befreite die russische Volkswehr den Kreml von den polnischen Truppen. Doch vor dem blutigen 20. Jahrhundert verblasst auch der weit entfernte Krieg zwischen dem Königreich Polen-Litauen und dem Moskauer Zarentum. So bleibt die Bedeutung des Tages für viele im Dunkeln: Der offizielle, von den Russen gründlich ignorierte Nationalfeiertag ist eigentlich der Tag Russlands, der an den 12. Juni 1990 erinnert, den Tag der russischen Selbstbestimmung innerhalb der Sowjetunion. Der große Sieg gegen feindliche Besatzer wird am 9. Mai, dem Tag des Sieges der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, gefeiert. Wozu den Sieg gegen Polen-Litauen feiern? Wozu noch ein Feiertag?

Für den Politologen Dmitri Trenin steht der Tag der Volkseinheit für die Bemühungen des Kremls, dem russischen Staat eine Nation zu geben – ein grobschlächtiger Versuch, nach dem Vorbild westlicher Multikulturalismen eine nationale Identität für das postsowjetische Volk Russlands zusammenzuzimmern – mit einem Feiertag, der anders als der Tag Russlands und der Tag des Sieges keine Sowjetreferenzen hat. So einfach jedoch ist das nicht. "Eine Nation kann nicht von oben her gebaut werden", schreibt Trenin. "Solange die Menschen in Russland ihren Staat nicht wie ihren eigenen behandeln, wird Russland ein Land bleiben, aber keine Nation."

Glaubt man den Demoskopen, ist der Kreml-Multikulturalismus jedoch ein Schritt in die falsche Richtung. Der jüngsten Lewada-Umfrage zufolge sind die Russen nämlich nicht stolz auf ihre multiethnische Gesellschaft. Mehr noch als die russische Kultur und die russischen Streitkräfte erfüllen die Russen die "natürlichen Reichtümer" ihres Landes mit Stolz. Hörte der Kreml also auf sein Volk, müsste der russische Doppeladler gegen den Bohrturm ausgetauscht werden.