Wie zweigeteilt das Verhältnis der EU zur Türkei ist, zeigen am besten zwei Dokumente. Zum einen ein Foto vom Besuch Angela Merkels beim türkischen Präsidenten Erdoğan. Da sitzt die Kanzlerin auf einem obszön prächtigen Sessel, der schon ein Thron ist, golden und übergroß. Das ganze Ambiente ein "Mix aus Ali Babas Schatzhöhle und Gelsenkirchener Barock", wie die FAZ schrieb. Neben ihr Erdoğan zufrieden lächelnd über diesen Gefälligkeitsbesuch der mächtigsten Frau Europas an seinem Hofe. Wenn du etwas von mir willst, sagte diese türkische Inszenierung Merkel und damit der EU, musst du schon zu mir kommen, in meine Welt.

Das zweite Dokument ist das nüchterne Gegenteil. 22 eng bedruckte Seiten aus der Feder der EU-Kommission, die schon seit Wochen in Brüssel kursieren, auch wenn sie offiziell erst in den kommenden Tagen veröffentlicht werden: der Fortschrittsbericht zur Türkei, der eigentlich ein Rückschrittsbericht ist. Von einer "wachsenden Intoleranz der Regierung gegenüber öffentlichen Protesten" ist dort die Rede, das Ende des Friedensprozesses mit den Kurden wird kritisiert. Und: "Die Unabhängigkeit der Justiz und das Prinzip der Gewaltenteilung wurden deutlich ausgehöhlt und Richter und Staatsanwälte sind unter starkem politischen Druck."

Das ist der Stand: In einer Zeit, in der die türkische Regierung sich politisch weiter entfernt von europäischen Werten als jemals seit Beginn der Beitrittsverhandlungen, kommt ihr die EU weit entgegen. Weil sie die Türkei braucht, um die Wege der und den Umgang mit den Flüchtlingen zwischen Syrien und dem Gebiet der EU besser zu kontrollieren. Wie geht das zusammen?

Gar nicht, finden eigentlich fast alle in Brüssel. Nur ziehen sie aus dieser Diagnose ganz unterschiedliche Schlüsse dafür, wie die EU ihr Verhältnis zur Türkei definieren soll; was aus dem zuletzt nur noch als Formalität existierenden Beitrittsprozess werden soll. Noch ist unklar, welche Lesart sich durchsetzt.

Die besten Chancen scheint aktuell die Position des Europapolitikers Elmar Brok (CDU) zu haben. Er steht für eine Art zerknirschte Resignation. "Wir werden die Krise nicht ohne die Türkei bewältigen können. Und deswegen sitzt Erdoğan jetzt am längeren Hebel. Wir müssen so oder so mit ihm reden, wenn dieser Flüchtlingsstrom beendet werden soll", sagte er am Montagmorgen nach der Wahl. Und dann: "Viel wird jetzt von der Gnade Erdoğans abhängen."

Das sind die Sätze zum Merkel-Bild in Erdoğans Prunksaal. Es ist diese Haltung, aus der heraus die Europäische Kommission die Veröffentlichung ihres kritischen Türkei-Berichtes auf die Tage nach der Wahl geschoben hat, um Erdoğan und seine Regierung in so sensiblen Zeiten nicht unnötig zu stören. Diese Fraktion, zu der offenbar auch Kommissionpräsident Jean-Claude Juncker gehört, signalisiert der Türkei: Wir sind zu politischen Zugeständnissen bereit, wenn ihr uns helft.

Geld gegen Kontrolle

Wie weit diese Zugeständnisse genau gehen, wird die entscheidende Frage sein. Erdoğan fordert eine "Beschleunigung" des Beitrittsprozesses und möchte gern schon jetzt zu EU-Gipfeln eingeladen werden.

Sollte sich die EU darauf einlassen, würde das aus Sicht der Kritiker zwei Dinge vermischen, die getrennt bleiben sollten: auf der einen Seite die nüchternen Verhandlungen über eine Kooperation in der Flüchtlingspolitik (Geld gegen Kontrolle), auf der anderen Seite den Beitrittsprozess, der den Abstand der Türkei zur EU messen und verringern soll. In dem vermeintlich objektive Kriterien gelten und in dem man sich nicht nach vorn schummeln kann, nur weil man gerade zufällig am längeren Hebel sitzt.

"Wir dürfen unsere Kriterien für den Beitritt nicht aufweichen", sagt Kati Piri, die Türkei-Beobachterin des Europäischen Parlaments. Sie steht für eine andere Position als Brok, die in Brüssel vor allem von Grünen und Sozialdemokraten getragen wird. "Jetzt zu schweigen und wegzugucken, wäre sehr gefährlich", warnt sie. Piri lobt die Zusammenarbeit in Sachen Flüchtlinge, schließlich müsse man "der Türkei helfen, mit der Last umzugehen". Auch Visa-Erleichterungen für Studenten und Unternehmer, wie sie die türkische Regierung seit Langem fordert, findet sie richtig und überfällig. 

Die Beitrittsverhandlungen möchte sie da aber raushalten. Da wünscht sie sich einen "offenen Prozess", den man nutzen solle, um gerade in diesen schwierigen Zeiten "im Dialog zu bleiben". Piri glaubt, dass das Fernziel Mitgliedschaft, so unerreichbar es auch scheint, den Beziehungen der EU zur Türkei nutzt.