Wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt schlug der russische Kampfjet auf syrischem Gebiet auf, abgeschossen von zwei türkischen F-16. So viel scheint sicher, auch wenn die Details noch kaum geklärt sind. Der russische Präsident Wladimir Putin bestreitet, dass der Jet zuvor überhaupt in türkischen Luftraum eingedrungen war. Genau damit aber begründet die türkische Regierung den Abschuss. Die völlig unterschiedlichen Darstellungen machen es nicht leichter, den ernsten Vorfall einzuordnen. In jedem Fall hat EU-Ratspräsident Donald Tusk recht, wenn er "in diesem gefährlichen Augenblick" dazu aufruft, einen kühlen Kopf zu bewahren und ruhig zu bleiben.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu verteidigte das Vorgehen, er argumentiert nachvollziehbar, wenn man voraussetzt, dass der russische Jet die Grenze zur Türkei überquert hatte. Die Türkei darf selbstverständlich ihren Luftraum schützen. Es habe zehn Warnungen gegeben, fünf Minuten lang, das Flugzeug habe nicht abgedreht, erklärte das türkische Militär. Der Abschuss ist die härteste mögliche Reaktion darauf, vor allem wenn sich bewahrheiten sollte, dass der russische Jet schließlich doch wieder den türkischen Luftraum verließ. Sicher hätte es diplomatischere Wege gegeben, damit umzugehen, zumindest Warnschüsse wären eine Option gewesen.

Putin nannte den Abschuss einen "Stoß in den Rücken, begangen von Helfershelfern von Terroristen" – damit spielte er darauf an, dass die Türkei lange Zeit zumindest zugelassen hatte, dass der "Islamische Staat" in Syrien über die türkische Grenze mit Nachschub und Kämpfern versorgt wurde, die Terrormiliz als Gegner des Assad-Regimes vielleicht sogar aktiv unterstützte. Die Türkei sei in keiner Form bedroht worden, betonte Putin.

Gleichzeitig muss man sich in Erinnerung rufen: Es ist nicht das erste Mal, dass Russland im Zuge seiner Intervention in Syrien den türkischen Luftraum verletzt. Schon Anfang Oktober hatte es mehrere ähnliche, am Ende friedlich beendete Zwischenfälle gegeben, auf welche die Türkei gemäß der abgestimmten Nato-Praxis reagierte: Türkische Jets fingen die eindringenden SU-30- und SU-24-Maschinen ab, die deutlich und wiederholt gewarnt wurden, woraufhin sie wieder nach Syrien abdrehten. Die Nato verurteilte die Verletzungen des türkischen und damit auch ihres Luftraums – und hob hervor, wie gefährlich solche Situationen sein könnten. Die Türkei selbst hatte mehrfach mit harten Konsequenzen gedroht, sollte Russland die Warnungen erneut missachten.

Die Haltung der beiden Länder zum syrischen Krieg hatte das eigentlich enge Verhältnis bereits zuvor belastet, nun dürfte es schwer beschädigt sein: Das für Mittwoch geplante Treffen der Außenminister Russlands und der Türkei ist erst einmal abgesagt. Bis zum Beginn der russischen Luftangriffe in Syrien hatten Putin und sein türkisches Pendant Recep Tayyip Erdoğan die Differenzen noch heruntergespielt, sie öffentlich nicht einmal zur Sprache gebracht. Gemeinsame wirtschaftliche Interessen schienen wichtiger, etwa das Pipeline-Projekt Turkish Stream, das die gestoppte South-Stream-Verbindung nach Europa ersetzen sollte, mit der Türkei als wichtigem Knotenpunkt, oder der Bau von Atomkraftwerken.

In Syrien allerdings standen die Türkei und Russland auf unterschiedlichen Seiten: Moskau war von jeher einer der wichtigsten Verbündeten des syrischen Diktators Baschar al-Assad, unterstützte ihn mit Waffenlieferungen und nicht zuletzt durch seine Blockadehaltung im UN-Sicherheitsrat. Ankara dagegen gehört seit Langem zu den schärfsten Gegnern Assads und sieht keine Zukunft für Syrien ohne seinen Rücktritt. Als Russland dann Ende September seine Luftangriffe zur Stärkung des syrischen Regimes begann, wurde der Ton rauer: Die Türkei protestierte vehement gegen die Intervention, stellte die Zusammenarbeit infrage und verschärfte auch die Befehle für den Fall, dass der türkische Luftraum verletzt würde – das gelte ausdrücklich auch für russische Jets, betonte Davutoğlu.

Wütend war die türkische Regierung aber vor allem wegen der Ziele, auf die russische Flugzeuge Bomben warfen. Offiziell sollen die Angriffe Assad im Kampf insbesondere gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" helfen. Doch sie richteten sich zum größten Teil gegen andere Gegner des Regimes, darunter auch solche, die von der Türkei oder den USA unterstützt werden. Zuletzt beklagte Ankara die Bombardierung eines turkmenischen Dorfes durch russische Kampfjets, bei dem auch viele Zivilisten umgekommen sein sollen. Die Türkei versteht sich als Schutzmacht der Turkmenen, die als Nachfahren türkischer Volksgruppen im Nordwesten Syriens eine Minderheit stellen. Sie kämpfen darüber hinaus in verschiedenen Milizen gegen Assad. Seit Tagen hatte Ankara davor gewarnt, sie nahe der Grenze zur Türkei anzugreifen – genau dort, wo nun der russische Kampfjet niederging.