Nie ist Großzügigkeit leichter als nach einem Sieg. Am Wahlabend stellte sich Ahmet Davutoğlu vor seine fahnenschwenkenden Anhänger, gerade hatte seine Partei die absolute Mehrheit im türkischen Parlament gewonnen, nach einem brutalen, rücksichtslosen Wahlkampf, der das Land weiter gespalten und in eine tiefe Krise gestürzt hatte. Davutoğlu, der Sieger, sagte: "Ich bitte um den Segen all jener, die sich durch den Wahlkampf verletzt fühlen könnten." Er wolle die Rechte aller Bürger sowie Glaubens- und Meinungsfreiheit schützen und die Polarisierung des Landes beenden, kündigt der alte und neue Regierungschef auf dem Balkon der AKP-Zentrale an.

Ob er damit ernst macht oder ob es bloße Geste bleibt: Das ist nun die Frage in der Türkei. Auch, ob die Verlierer die Hand des Siegers überhaupt ergreifen wollen, nachdem dieser sie so erbittert und rücksichtlos bekämpft hat.

Abgekämpft und frustriert sitzen Sonntagnacht Mitglieder der größten Oppositionspartei CHP vor den Bildschirmen in den Parteibüros, in denen die Auszählungsstände der Fernsehsender allmählich zu Wahlergebnissen werden. "Das ist unmöglich", ruft eine CHP-Anhängerin im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş, in dem die liberal-sozialdemokratische Partei auch dieses Mal unangefochten stärkste Kraft wird. Landesweit aber ist das Ergebnis der größten Oppositionspartei kaum verändert. "Die veräppeln uns doch, das ist Betrug", sagt sie und verlässt die Wahlparty, die ohnehin keine ist. Die Gesichter der wenigen versammelten Unterstützer wirken leer. "Wie sehe ich denn aus?", fragte eine junge Anhängerin frustriert zurück, als sie nach ihrer Stimmung gefragt wird. "Letztes Mal haben wir Fehler gemacht, aber jetzt hatten wir ein gutes Programm, vor allem für Wirtschaft und Bildung", fügt ein nebenstehendes CHP-Mitglied hinzu. Wie es zur absoluten Mehrheit für die AKP kommen konnte, kann hier niemand verstehen.

Niemand hatte ja damit gerechnet, auch die Regierungspartei selbst nicht. Alle Umfragen deuteten auf eine Wiederholung des Ergebnisses der vergangenen Wahl im Juni hin, bei der die Opposition der AKP die Mehrheit abnehmen konnte. So füllte sich an diesem Sonntagabend die AKP-Wahlparty in Istanbul erst nach Bekanntwerden der ersten Hochrechnungen mit überrascht triumphierenden Anhängern.

Erdoğan verkauft diesen Sieg nun als Schritt zur Stabilität. Eine Deutung, die insbesondere den Anhängern der HDP makaber erscheinen muss. Die ursprünglich rein prokurdische Partei hatte sich bei den Wahlen im Juni als landesweite linke Kraft etabliert, die von vielen Türken aus Protest gegen Erdoğans Politik gewählt worden war. Nachdem sie erstmals ins Parlament gekommen war, wollte sie am Sonntag noch mehr Stimmen erringen. Doch diesmal schaffte sie es nur knapp über die Zehn-Prozent-Hürde. "Wir hatten große Hoffnung, 14 bis 15 Prozent zu bekommen", sagt ein Anhänger im HDP-Büro in Tarlabaşı, einem Istanbuler Bezirk, in dem die Partei großen Rückhalt hat. "Es ist so frustrierend, weil wir so gekämpft haben."

Unregelmäßigkeiten in Wahllokalen

Allerdings unter extrem erschwerten Bedingungen, wie die HDP-Führung nach der Wahl kritisiert. Seine Partei habe wegen der Angriffe auf ihre Büros und Anschläge keinen Wahlkampf führen können, sagte der Vorsitzende Selahattin Demirtaş. "Jede andere Partei wäre unter diesem Druck ausgelöscht worden, aber die HDP hat überlebt."

Der Sieg der Stabilität, den Erdoğan beschwört, ist ein Ergebnis der Instabilität, die vor allem Erdoğans eigene Partei herbeigeführt hat. So sehen das seine Gegner.

Auf der Suche nach Erklärungen für den unerwarteten Triumph der AKP wird nicht nur in den Reihen der Opposition über eine Manipulation der Wahlen spekuliert. In Istanbuler Wahllokalen am Sonntag erzählen Wahlbeobachter von einigen Unregelmäßigkeiten. "Ein großes Problem sind Analphabeten", sagt etwa Dilek, die für die unabhängige Organisation Oy ve Ötesi im Stadtteil Fatih den Ablauf der Wahlen kontrolliert. Auf eigenen Wunsch dürften diese zwar Leute mit in ihre Kabine nehmen. Manchmal würden ihre Begleiter aber auch einfach versuchen, ohne Erlaubnis mit in die Kabine zu gehen. Das müssen Beobachter wie Dilek dann verhindern.

Frust über die Landsleute

An anderer Stelle ist von fehlenden Stempeln auf Wählerlisten zu hören oder Wahlvorständen der AKP, die mit in die Kabinen gingen. Im Südosten des Landes sollen Menschen zudem durch Polizeipräsenz eingeschüchtert worden sein. Auch von nicht rechtzeitig abgegebenen Boxen mit Stimmzetteln war zu lesen. Und dass am Wahlabend zwischenzeitlich die Seite der staatlichen Wahlkommission YSK nicht zu erreichen war, sorgt für zusätzliche Spekulationen.

Doch selbst Regierungskritiker warnen davor, damit allein den AKP-Sieg und ihren Zugewinn von mehr als vier Millionen Stimmen erklären zu wollen. Zu offensichtlich ist, dass die Regierungspartei mit ihrem Kurs Stimmen der nationalistischen MHP und religiös-konservativen Kurden gewinnen konnte. Unter oppositionellen Journalisten und Wählern überwiegt deshalb vor allem auch der Frust über die eigenen Landsleute: Dass sie sich von der Angstkampagne der AKP haben beeindrucken lassen und Stabilität demokratischeren Strukturen vorziehen.