Die Schüsse und Detonationen im 10. Arrondissement von Paris waren noch nicht verhallt, da wusste Ann Coulter schon ganz genau, was die Gräueltat der IS-Terroristen für die amerikanische Innenpolitik bedeutet. "Heute Abend", erklärte die konservative Dauer-Hetzerin auf ihrem Lieblingskanal Fox, "ist Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden".

Die Prognose mag etwas vorschnell gewesen sein. Die Vorwahlen in den USA haben noch nicht einmal begonnen und die Umfrageergebnisse für Donald Trump sind bei der allgemeinen Wählerschaft weiterhin bescheiden. Gerade einmal sechs bis acht Prozent der US-Wahlberechtigten unterstützen den vulgär pöbelnden Politiker aus New York. Doch mit einem hatte Coulter recht: Donald Trump würde es garantiert nicht versäumen, aus dem Attentat Kapital zu schlagen.

So kam es dann auch. Trump hat seit dem 13. November übergangslos seine fremdenfeindliche, rassistische Hass-Rhetorik von den mexikanischen Einwanderern ab und den Muslimen im Land zugewendet. Nur wenige Tage dauerte es, bis er davon sprach, Moscheen im Land schließen zu lassen und alle amerikanischen Muslime in einer Datenbank zu erfassen.

Diese Woche setzte er noch eins drauf und behauptete, dass am 11. September 2001 Tausende von Muslimen jubelnd am Hudson River gestanden hätten, während die Zwillingstürme in einem Inferno untergingen. Als ihm ein Reporter der New York Times widersprach, machte sich Trump über dessen Behinderung lustig.

Angesichts solcher Taktiken wird nun in den USA offen davon gesprochen, dass der Rechtspopulist in den Faschismus abgeglitten sei. Die Zeitschrift The Week schreibt, Trump sei "ein Mussolini im Anfangsstadium, der eine wachsende faschistische Bewegung nährt". Die sonst zurückhaltende New York Times wollte zwar das F-Wort nicht gebrauchen, nannte Trump jedoch einen "rassistischen Lügner" und fügte an, dass "es gefährlich sei, einen Demagogen nicht zur Rechenschaft zu ziehen".

Besonderes Unbehagen bereitete, wie Trump in der vergangenen Woche mit einem Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bürgerrechtsbewegung umging. Der Mann hatte eine Wahlkampfveranstaltung von Trump gestört, daraufhin wurde er von Trump-Sympathisanten vor der Tür verprügelt. Diese Behandlung, sagte Trump, habe der Mann verdient, er habe sich schließlich daneben benommen. "Alles was Trump jetzt noch braucht, ist ein Ernst Röhm, um seine Truppen zu organisieren", schrieb dazu The Week.

All das hat Trump in den Umfragen nicht geschadet. Er liegt weiterhin an der Spitze des republikanischen Feldes. Allerdings distanzieren sich mittlerweile selbst Parteigenossen von Trumps Ungeheuerlichkeiten. Präsidentschaftsbewerber John Kasich hat ein Video veröffentlicht, in dem er den deutschen Theologen und Widerstandskämpfer Martin Niemöller zitiert. Der sagte über seine Verhaftung, dass niemand mehr da war, um dagegen zu protestieren, weil er vorher geschwiegen hatte.

Doch Kasich war der einzige, der sich klar gegen Trumps proto-faschistische Äußerungen stellte. Andere wie Jeb Bush oder Marco Rubio finden ihn lediglich "ungeeignet als Oberkommandeur der Streitkräfte", weil er abstruse außenpolitische Strategien wie eine Invasion von Syrien propagiert.

Kaum Widerspruch

Gegen Trumps Fremdenfeindlichkeit und offenen Rassismus protestieren seine Parteigenossen dagegen nicht. Sie wissen genau, dass sie damit eine wichtige Wählergruppe verprellen könnten. Eine absolute Mehrheit unter konservativen Wählern befürwortet sowohl die Abschiebung illegaler Einwanderer als auch den Aufnahmestopp für syrische Flüchtlinge. Und die Mehrheit dieser Wähler unterstützt wiederum Trump.

Einen Grund für Panik angesichts eines möglichen Präsidenten Trump und einem damit einhergehenden dramatischen Rechtsruck in den USA halten die Experten für deutlich verfrüht. So schreibt Nate Silver, der einstige Meister-Statist und Prognose-Magier der Washington Post auf seinem Blog FiveThirtyEight, dass die derzeitigen Zahlen für Trump nicht ausreichen, um sich auch nur die republikanische Nominierung zu sichern. Die gegenwärtigen Umfrageergebnisse, sagte Silver, seien kaum aussagekräftig. Die Mehrzahl der Amerikaner beschäftigt sich noch nicht sehr intensiv mit der Wahl. Und in der Vergangenheit hatten sich die meisten Wähler zu einem derart frühen Zeitpunkt noch lange nicht entschieden.

Heimliche Verehrer

Was dennoch bleibt, ist das ungute Gefühl, dass es eine große Bevölkerungsgruppe in den USA gibt, die sich offenkundig mit den Ausfällen eines Donald Trump identifiziert. So berichtete das New Yorker-Magazin bereits im August, lange vor Paris, dass Trump zur Identifikationsfigur der sogenannten Nativisten avanciert ist. Die nativistische Bewegung besteht aus offen rassistischen, bisweilen eindeutig neo-nazistischen Gruppen im Süden und Südwesten der USA, die während der Präsidentschaft von Obama einen massiven Zulauf erfahren haben.

Schlimmer noch als diese offenen Trump-Verehrer sind jedoch die stillen. So charakterisierte der Harvard Politologe Yascha Mounk jüngst die Vorwahl als eine Art "Reality TV", bei dem die Protagonisten die Sehnsüchte der Zuschauer verkörpern. Die wenigsten Amerikaner, schließt Mounk, würden sich offen so verhalten und so sprechen wie Trump. Und doch identifizieren sie sich mit ihm: Weil er sich Mounk zufolge so benimmt, wie sie sich das gerne trauen würden.

Noch einen Schritt weiter geht der Essayist Ta-Nehisi Coates, der vergangene Woche den prestigeträchtigen National Book Award gewonnen hat. Amerika, meint Coates, sei von einem tief sitzenden Rassismus befallen, der nicht auszurotten sei und der sich immer wieder Bahn breche. Daran knüpfe Trump erfolgreich an. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihn das auch ins Weiße Haus bringt, bleibt freilich gering.