Wenn Zar Ni Maung über seinen Computerbildschirm aus dem Fenster blickt, kann er das Treiben auf der Market Street beobachten. Dann sieht er, wie Hunderte Menschen diese schnurgerade Straße entlangeilen, die sich durch Downtown San Francisco zieht. Er sieht Menschen aus der ganzen Welt, plaudernd in jeder erdenklichen Sprache, gekleidet in Gewänder, die sonst die Straßen von Mumbai, Pfade in den Anden oder den Finanzdistrikt von London prägen. Kaum irgendwo in den Vereinigten Staaten ist die Vielfalt der Kulturen so groß wie in San Francisco. Nur wer hier einen Flüchtling finden will, muss lange suchen. Jedenfalls einen, den das amerikanische Recht auch als solchen anerkennt. So wie den Burmesen Zar Ni Maung.

Amerika! So heißt seit Jahrhunderten der Sehnsuchtsort der Unterdrückten und Verfolgten. Seit die Europäer die ihnen neue Welt entdeckt hatten, retteten sich Menschen dorthin. Religiöse Abweichler aus England, Frankreich und den deutschen Staaten, später Demokraten vor der Verfolgung durch die Restauration, Juden und Regimegegner vor den Nazis, Oppositionelle aus der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten, Bürgerrechtler aus Südafrika, Freidenker aus südamerikanischen und asiatischen Diktaturen.

Nun, da so viele Menschen nach Europa fliehen und die Regierungen dort immer hilfloser nach Antworten auf diese Herausforderung suchen, lohnt es sich, in ein Land zu reisen, das mehr als 300 Jahre Erfahrung mit Einwanderung und Integration hat. Was man vorfindet, wenn man in San Francisco, Palo Alto und Miami mit Flüchtlingen, Migrationsforschern, Küstenwächtern und Asylanwälten spricht, ist nicht perfekt. Aber viele Gedanken, die in Europa gerade erst gewälzt werden, wurden in den USA schon zu Ende gedacht, viele Ideen bewertet, für klug befunden oder verworfen, und manche Lösung wurde gefunden.

Flucht um die halbe Welt

Zar Ni Mung grüßt mit einem freundlichen Lächeln. Er ist etwa 50 Jahre alt, trägt ein einfaches kariertes Hemd und Jeans. Er sitzt in einem von drei kleinen, sehr einfach eingerichtete Büros im siebenten Stock des Flood Buildings, eines jener gewaltigen gründerzeitlichen Bürogebäude im Zentrum San Franciscos, die sogar das Erdbeben von 1906 überstanden haben. Heute residiert hier eine wilde Mischung kleiner Unternehmen und Agenturen. "Waxing, Massage, Natrual Nails" steht in goldgeschwungene Lettern an der milchverglasten Tür auf der anderen Seite des Gangs. Zar Ni Mungs Agentur heißt Refugee Transitions.

Zar Ni Maung, Flüchtlingshelfer in San Francisco © privat

Der Burmese ist selbst Flüchtling und als solcher offiziell anerkannt. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Es wandern zwar jedes Jahr Hundertausende in die USA ein, viele geregelt, viele auch illegal. Aber als Flüchtlinge gelten nur die 70.000 Menschen, die vom Präsidenten offiziell als solche aus anderen Ländern eingeladen werden. Hinzu kommen noch weitere 30.000 Asylbewerber, die es irgendwie bis in die Vereinigten Staaten geschafft haben. Wie schwer es ist, ein anerkannter Flüchtling zu werden, zeigt gerade das Schicksal jener Syrer, die auf eine Aufnahme in den USA gehofft hatten. 20 Bundesstaaten und die Republikanische Partei haben kürzlich abgelehnt, auch nur einen von ihnen aufzunehmen.

Die Geschichte Zar Ni Mungs ist so lang und verworren wie die vieler Flüchtlinge. Geboren wurde er in Myanmar, als es offiziell noch Burma hieß. In den achtziger Jahren studierte er in Rangun und war in der demokratischen Studentenbewegung aktiv. 1988 kam es zu Protesten, die Militärdiktatur griff hart durch. Zar Ni Mung flüchtete. Über London und das ghanaische Accra kam er schließlich nach San Francisco.

Wohnen dürfen, wo man Menschen kennt

Immer hat Zar Ni Mung versucht, die Opposition in seinem Heimatland aus der Ferne zu unterstützen. Aber seit er an der Bucht von San Francisco lebt, ist eine neue Aufgabe hinzugekommen. Denn in Oakland, nur eine Brückenlänge entfernt, leben Dutzende Landsleute von ihm und es geht ihnen schlecht.

"Flüchtlinge aus Burma sind hierher geholt worden, um der Verfolgung und Not zu entkommen. Sie hofften auf ein besseres Leben in den Vereinigten Staaten. Aber stattdessen wurden sie vernachlässigt; sie sind gefangen in einem Netz der Armut", sagt Zar Ni Maung. 63 Prozent von ihnen seien arbeitslos. 57 Prozent aller Haushalte, in denen durchschnittlich fünf Personen lebten, müssten mit weniger als 1.000 Dollar im Monat auskommen.

Ihnen will Zar Ni Mung helfen. Sein Arbeitgeber Refugee Transitions ist eine Freiwilligenagentur. Sie springt ein, wo die staatliche Unterstützung für Flüchtlinge endet.

Wer als anerkannter Flüchtling in die USA umgesiedelt wird, bekommt acht Monate finanzielle Hilfe. Hat er Verwandte oder Freunde, die schon in den USA leben, darf er bei ihnen unterschlüpfen. Der Staat gibt den Gastgebern dann Geld, damit sie den Ankömmling in die Regeln und Gewohnheiten des neuen Landes einführen. Nach Ablauf der Frist muss der Flüchtling alleine zurechtkommen.

Zuhören, nicht fragen

Wer keine Verwandten am Ort hat, dem helfen Agenturen wie Refugee Transitions. Seit 30 Jahren bildet die Agentur freiwillige Helfer aus. Sie begleitet Familien, vermittelt Sprachkurse, erklärt das Bussystem, hilft ein Bankkonto zu eröffnen, sucht die passende Unterstützung, wenn ein Problem ihre eigenen Möglichkeiten übersteigt und beispielsweise ein Schulpsychologe hinzugezogen werden muss oder ein Traumaspezialist.

Das klingt ähnlich wie die Patenschaften, die gerade viele engagierte Deutsche für Flüchtlinge übernehmen. Doch das amerikanische Modell ist wesentlich professioneller.

Die Ausbildung für die Helfer dauert Wochen. Die Freiwilligen lernen, wie man Sprachbarrieren überwindet. Sie erfahren, aus welcher Kultur ihre Klienten kommen und welche Besonderheiten zu beachten sind. Sie werden trainiert zuzuhören und wissen, wie sie reagieren können, wenn die Flüchtlinge von traumatischen Erfahrungen erzählen, vom Tod eines Kindes beispielsweise. Sie lernen, nicht zu viele persönliche Fragen zu stellen, sondern abzuwarten. Wer Vertrauen fasst, wird von alleine reden. Das Ziel der Helfer ist ohnehin nicht, die Vergangenheit aufzubereiten, sondern einen guten Start ins neue Leben zu ermöglichen. Sie wollen ihren Klienten vermitteln, dass sie hier in Sicherheit leben können, und sie wollen sie aus der Isolation befreien, in die sie die Scheu vor dem fremden Land und die fehlenden Sprachkenntnisse manchmal führen.

Zar Ni Mung betreut den Familienservice. Außerdem vermittelt er junge Leute in ein zweites Programm der Agentur, das Community Leadership heißt. Es stützt sich auf die Erfahrung, dass sich Kinder und Jugendliche meist schneller einleben als ihre Eltern und weniger Schwierigkeiten haben, Englisch zu lernen. Deshalb rekrutiert die Agentur Jugendliche, die in der Schule erfolgreich sind, und bildet sie in all den Dingen weiter, die Flüchtlinge im Umgang mit der Bürokratie wissen müssen. So sollen sie in ihren Flüchtlingsgemeinschaften zu Multiplikatoren werden und an ihren Schulen neuen Schülern aus ihren Heimatländern als Tutoren beistehen.

Das klingt gut und pragmatisch. Aber gilt es nicht, mehr zu vermitteln als praktischen Rat? Wie bringt ihr den Flüchtlingen die Werte der neuen Gesellschaft bei? Zar Ni Mung stutzt und fragt nach: "Sie meinen: How to be an American?" Dann lacht er schallend.

Auf dem Weg nach Palo Alto klingt sein Lachen noch nach, als der Vorortzug Richtung Süden rattert. Am Ende dieser Fahrt wird auch klar sein, was seine Heiterkeit auslöste.