Der zweite Wahlgang der französischen Regionalwahlen, zu dem rund 45 Millionen Wähler aufgerufen sind, könnte der rechtspopulistischen Partei Front National weiteren Auftrieb geben. Die europa- und einwanderungskritische Partei um Marine Le Pen hat in den Wahlen vor einer Woche eine landesweite Zustimmung von rund 28 Prozent erhalten. Eine Stichwahl ist nötig, weil im ersten Durchlauf keine Partei eine absolute Mehrheit erringen konnte.

Das ist bisher der höchste Wert für die Partei. In sechs der 13 Regionen konnte der Front National die meisten Stimmen gewinnen. Die Regionalwahl in Frankreich umfasst nur noch 13 Regionen statt 22. Die neue Regelung tritt ab Januar kommenden Jahres in Kraft. Die zusammengefassten Regionen erhalten mehr Kompetenzen und sollen wirtschaftlich stärker werden.

Frankreichs Premierminister Manuel Valls warnte in einem Gespräch mit dem Radiosender France Inter davor, "für eine antisemitische, rassistische Partei" zu stimmen. Der Front National werde das Land spalten. "Diese Spaltung kann zu einem Bürgerkrieg führen", sagte Valls. Um einen erneuten Wahlerfolg der rechtsextremen Partei bei der Stichwahl zu verhindern, zogen die Sozialisten aus einigen Regionen ihre Kandidaten zurück, um die Gegenstimmen zur rechtspopulistischen Partei zu konzentrieren. Auf diese Stimmen hoffen nun die Konservativen um Nicolas Sarkozy, die bei der Wahl vor einer Woche zweitstärkste Kraft wurden.

Die Regionen, in denen die Sozialisten Kandidaten zurückgezogen haben, umfassen auch Nord-Pas-de-Calais-Picardie im Norden und Provence-Alpes-Côte d'Azur im Süden des Landes. In diesen Regionen kandidieren Marine Le Pen und ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen für den Front National. Bei der Wahl vor einer Woche kamen beide auf jeweils 41 Prozent der Stimmen und lagen damit weit vorn.

Ersten Statistiken zufolge sind am heutigen Sonntag im Vergleich zum ersten Durchgang mehr Franzosen zur Stichwahl gegangen. Das französische Innenministerium gab an, dass bis zum Mittag 19,6 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben. Bei der ersten Wahl waren im selben Zeitraum nur 16,3 Prozent wählen gegangen. Die ersten Hochrechnungen werden heute Abend gegen 20 Uhr erwartet.

Rückzug der Sozialisten setzt Le Pen unter Druck

Durch den Rückzug der Sozialisten sind die Kandidaten der Konservativen in den Regionen gestärkt und könnten beiden Le Pens Konkurrenz machen. Die Chancen auf einen weiteren Wahlerfolg der europafeindlichen Partei sind jedoch weiterhin groß. Meinungsforscher gehen davon aus, dass der Front National mindestens in einer Region gewinnt. Chancen hat sie etwa in der ostfranzösischen Grenzregion Elsass-Champagne-Ardenne-Lothringen, in der der Front-National-Vize Florian Philippot als Spitzenkandidat antritt. Umfragen zeigen aktuell noch einen Rückstand von zwei Prozentpunkten für Philippot auf den konservativen Kandidaten. Ein Sieg ist auch in der Region Burgund-Franche-Comté möglich.

Nach den Terroranschlägen in Paris konnte die Partei mit ihrer harten Haltung gegenüber Flüchtlingen bei der französischen Bevölkerung punkten. Zwar stieg auch die Beliebtheit von Präsident François Hollande, doch die Sozialisten wurden in der ersten Wahlrunde nur drittstärkste Kraft.

Die Regionalwahlen sind die letzten landesweiten Entscheidungen vor der Präsidentschaftswahl 2017. Ein erneuter Wahlerfolg ihrer Partei würde Le Pen Auftrieb für ihre Kandidatur als Präsidentin geben