ZEIT ONLINE: Und was ist mit den gescheiterten Kriegen im Irak und in Afghanistan?


Abdel-Samad: Auch die wurden inkonsequent geführt. Man hat nur die Taliban gestürzt und Afghanistan den Rücken gekehrt. Man hat Saddam Hussein gestürzt und den Irak seinem Schicksal überlassen. Das war der Fehler.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie den Deutschen, die nicht im Irak sterben wollen?

Abdel-Samad: Den Terror zu besiegen bedeutet, dass wir im Westen damit leben müssen, wenn Särge mit Soldaten zurückkommen. Davor haben nicht nur die Mütter, davor hat jeder Politiker Angst. Denn das kann er vor seinen Wählern nicht verantworten. Das kann man verstehen. Aber was ist mit unserer Verantwortung für den Frieden? Wir sind im Westen nicht mehr bereit, Opfer zu bringen. Es ist eine Lüge, wenn wir sagen, wir wollen mit aller Härte gegen den Terror vorgehen – denn wir gehen kein Risiko ein.

ZEIT ONLINE: Wir haben letzten Herbst Waffen an die Peschmerga geliefert.

Abdel-Samad: Ja, wir sind Weltmeister im Waffenverkaufen, aber wir führen keine Kriege! Auch das ist die Schwäche Europas. Wir sind satt und schlapp. Das wissen die Terroristen. Sie haben keine Angst, zu sterben. Wir schon.

ZEIT ONLINE: Diesen Fatalismus von religiösen Eiferern, die für einen Gott zu sterben bereit sind, wollen wir uns aber auch mit Recht nicht antrainieren.

Abdel-Samad: Ich verlange vom Westen keinen Fatalismus, nur Entschlossenheit.

ZEIT ONLINE: Nach der friedlichen Revolution von 1989 gab es eine Freiheitseuphorie, aber keinen Diskurs darüber, dass die Freiheit auch verteidigt werden muss. Wir haben den Kapitalismus schöngeredet, wir haben Gerechtigkeitsdebatten abgewehrt, und wir haben uns in der Illusion gewiegt, dass es mit dem Totalitarismus nun vorbei sei. Nun bekommen wir die Quittung.

Abdel-Samad: Unsere Werte verteidigen – das ist eine leere Formel geworden. Wie konnte es sonst geschehen, dass Islamisten überall in Europa, ob in Paris, Marseille, Brüssel, Amsterdam, Malmö, Berlin oder Wuppertal, ihre Infrastrukturen aufbauen konnten? Wir wissen, dass in Deutschland Tausende gewaltbereite Islamisten leben und Hunderte Gefährder – aber keiner von ihnen sitzt im Gefängnis. Warum nimmt man sie nicht in Polizeigewahrsam?

ZEIT ONLINE: Weil wir keine Gesinnungsdiktatur werden wollen.

Abdel-Samad: Die Deutschen fürchten immer, dass die Deutschen rückfällig werden. Bloß keine Geheimdienste! Bloß keine Polizei!

ZEIT ONLINE: Ist das denn nicht sympathisch?

Abdel-Samad: Nein, es zeugt von einem großen Mangel an Vertrauen in unsere Demokratie. Die Polizei in einem Rechtsstaat ist nicht per se gefährlich. Ebenso der Geheimdienst. Stattdessen sollen nun ausgerechnet die Moscheevereine zu Anlaufstellen für Flüchtlinge werden. Und die Familienministerin Schwesig, jubelt, ja!

ZEIT ONLINE: Warum meinen Sie, die Moscheevereine seien ungeeignet?

Abdel-Samad: Die Moscheevereine sind oft nur ethnische Vereine, die nationale Interessen vertreten, vor allem die der Türkei. Und nicht selten sind sie auch der verlängerte Arm des ausländischen Islamismus, wahlweise des Wahabismus oder der Muslimbruderschaft. Es sind keine deutschen Vereine! Die Gelder kommen entweder aus der Türkei oder aus den Golfstaaten. Die Imame sind fast nie in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie predigen die gleiche Theologie und die gleichen Gesellschaftsbilder, die für das Elend in der arabischen Welt verantwortlich sind.

ZEIT ONLINE: Können Sie das genauer beschreiben?

Abdel-Samad: Es ist die gleiche ausschließende Geisteshaltung gegenüber Ungläubigen, die Diskriminierung von Frauen, der Hass auf Juden. Die Syrer fliehen ja vor solchen Auswüchsen des Islams massenhaft zu uns. Und wir wollen jetzt aus dem Stoff, aus dem Bürgerkriege in Nahost gemacht wurden, ein Kleid für die Integration nähen? Das geht nicht. Es ist ein fataler Fehler, die ankommenden Syrer den Moscheevereinen auszuliefern. So verteidigt man nicht seine Werte, sondern so verlagert man das Problem des Fundamentalismus in den Westen. Ich wiederhole es: Moscheen sind keine Orte der Integration! In staatlichen Schulen könnten wir ehrliche Debatten über den Islam führen. Aber was schreiben mir viele Lehrer: Ich traue mir nicht mehr zu, muslimische Schüler über Islamismus und Terror aufzuklären! Selbst an Universitäten werden kontroverse Veranstaltungen mit Islamkritikern abgesagt, damit der innere Frieden gewahrt bleibt. So werden wir unsere Werte nicht verteidigen!

ZEIT ONLINE: Es gibt sicherlich auch eine berechtigte Angst, rechte Ressentiments gegenüber allen Muslimen zu schüren.

Abdel-Samad: Aber durch die absurde Behauptung, der Islam habe mit dem Islamismus nichts zu tun, bekommt der rechte Rand erst Aufwind. Wenn man Probleme nicht beim Namen nennt, schützt man auch die Muslime nicht. Im Gegenteil. Man schützt sie, indem man ihre Probleme ehrlich anspricht und diese Debatten in die Mitte der Gesellschaft holt. Mir hat dieser Muslim in Paris gar nicht gefallen, der auf der Trauerveranstaltung auf dem Place de la République seine Augen verband und ein Plakat hochhielt: Ich bin Muslim, aber kein Terrorist! Ich vertraue Ihnen, vertrauen Sie auch mir.

ZEIT ONLINE: Das war doch eine Friedensgeste. Wieso fanden Sie das schlecht?

Abdel-Samad: Es war eine Veranstaltung für die Opfer des Terrors. Aber dieser Mann musste sagen: Nein, eigentlich bin ich das Opfer, eigentlich ist der Islam friedlich. Wenn das stimmen würde, müsste der "Islamische Staat" ein Staat der Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sein, wo Frauen gleichberechtigt sind, wo Homosexuelle nicht um ihr Leben fürchten. Aber das ist nicht der "Islamische Staat", das ist nicht Saudi-Arabien, der Iran, Sudan, Marokko, Pakistan oder jedes Land, wo die Gesetze des Islams in der Politik angewandt werden.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sollten wir nicht die Muslime mit dem "Islamischen Staat" verwechseln.

Abdel-Samad: Korrekt. Man muss zwischen Muslimen und Islam unterscheiden, aber nicht den Islam reinwaschen wollen. Der Islam als Religion des Friedens? Das ist eine Lüge, die nichts bringt. Aber wenn die Presse sie wiederholt, muss sie sich nicht wundern, wenn sie als Lügenpresse wahrgenommen wird. Interessant ist, dass in der arabischen Welt mittlerweile eine viel offenere Islam-Debatte stattfindet – in Ägypten, im Libanon und in Tunesien. Aber in Europa haben die Apologeten die Oberhand. Entlarvend finde ich aber, dass dieselben Leute, die sagen, dass man Muslime nicht unter Generalverdacht stellen soll, davor warnen, dass ankommende Flüchtlinge sich radikalisieren würden, wenn man sie nicht super integriere. Das ist doch genau der Generalverdacht! Der islamische Junge kriegt keinen Job, also wird er sich eine Kalaschnikow holen, logisch. Es ist ein böser Verdacht, aber es ist auch was dran. Warum machen das die Vietnamesen, Hindus, Ukrainer und Russlanddeutschen nicht? Warum stehen sie folglich nicht unter Verdacht? Weil es im Islam tatsächlich ein Gewaltpotenzial gibt, und dieses Potenzial wird täglich in allen Ecken der Welt ausgeschöpft.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie zuerst am Islam ändern, wenn Sie könnten?

Abdel-Samad: Ich will nichts an den Schriften ändern. Ich will nur, dass wir uns eingestehen: Der Islam ist nicht gekommen, um Teil dieser Welt zu werden, sondern um über die Welt zu herrschen. Das ist in den Texten verankert und in der Geschichte des Islams auch als gelebte Wirklichkeit zu finden. Und weil der Koran als das direkte Wort Gottes gilt, kann er schlecht relativiert oder kontextualisiert werden. Heutige Salafisten und Islamisten verstehen Allahs Auftrag genauso, wie er auch damals gemeint war. Sie missbrauchen den Islam nicht, sie gebrauchen ihn nur. In keiner anderen Religion heute wird der Begriff Ungläubige so abwertend benutzt wie im Islam. In keiner anderen Religion ist allein die Tatsache, dass man ungläubig ist, ein Todesurteil. Wir müssen uns also von der Geltung der Texte im Koran verabschieden, so wie die meisten Christen sich von Sätzen des Alten Testaments distanziert haben. Es wäre schön, wenn die Nicht-Muslime uns dabei helfen, statt das Problem zu leugnen.