Ideologisch ist die Anziehungskraft des IS ungebrochen, so dass er sich parallel zu seinem Kalifatsterritorium in Syrien und Irak immer mehr zu einem globalen Terrorimperium entwickelt. In Paris massakrierten neun IS-Fanatiker in einer beispiellosen Attentatsserie 130 Menschen. Auch das Mörderpaar im kalifornischen San Bernardino, das 14 Leute erschoss, schwor auf seiner Facebook-Seite dem selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi Gefolgschaft. Gleichzeitig verdoppelte sich nach US-Erkenntnissen in den zurückliegenden zwölf Monaten die Zahl der nach Syrien und Irak eingesickerten Dschihadisten auf 27.500. Drei Dutzend Extremistengruppen in 18 Staaten haben sich der Terrormiliz angeschlossen, darunter auch Kommandos in den südlichen Mittelmeeranrainerstaaten Tunesien, Libyen und Ägypten.

Der ägyptische IS-Ableger, der sich Provinz Sinai nennt, behauptet, eine russische Urlaubermaschine mit 224 Passagieren mit einer Bombe zum Absturz gebracht zu haben, die auf dem Weg von Scharm al-Scheich nach St. Petersburg war. Aus Tunesien stammen nach Erkenntnissen von UN-Experten 5.500 Dschihadisten, die an der Seite des "Islamischen Kalifates" kämpfen, darunter 700 junge Frauen. Das benachbarte Libyen vermarkten die IS-Krieger inzwischen als ihr zweites Kalifat. 2.000 bis 3.000 Kämpfer halten sich mittlerweile in dem Post-Gaddafi-Staat auf, vor einem Jahr waren es noch keine 200. Die Attentäter im Bardo-Museum von Tunis und im Imperial-Strandhotel von Sousse, die im März und Juni 59 Menschen erschossen, erhielten ihr Waffentraining in Libyen. Der Selbstmordanschlag auf die tunesische Präsidentengarde, bei der im Zentrum der Hauptstadt zwölf Soldaten starben, war ebenfalls von hier gesteuert. Auch Libyens südliche afrikanische Nachbarn Tschad und Niger fürchten, dass sich das Bomben-Knowhow in ihren Staaten ausbreiten könnte.

Die Krieger des IS sind gut trainiert und kriegserfahren, die Zahl der willigen Selbstmordattentäter beispiellos. Nach Schätzungen der EU kämpfen 6.000 Europäer in ihren Reihen, darunter 25 ehemalige Bundeswehrsoldaten. Aus den arabischen Staaten stammen mindestens 20.000 Extremisten, die größten Kontingente aus Tunesien, Saudi-Arabien und Marokko – inzwischen aber auch aus dem Kaukasus und den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, ja sogar aus China. Geworben werden die Dschihadisten vor allem im Internet und in radikalen Moscheen. Nach einer Studie der renommierten Brookings Institution in Washington verfügt der IS über 45.000 bis 70.000 Twitterkonten, die im Durchschnitt je 1.000 Follower haben.

Das Vermögen der Terrormiliz taxieren westliche Geheimdienste auf mehr als zwei Milliarden Dollar. Die USA und Europa verdächtigen seit Langem superreiche Privatleute, salafistische Stiftungen und Moscheevereine aus Kuwait, Katar, den Emiraten und Saudi-Arabien, die Gotteskrieger zu finanzieren. Darüber hinaus verkaufen die Terrorführer in großem Maßstab Öl aus eroberten Fördergebieten in Syrien und Irak, betreiben Kidnapping und Schutzgelderpressung. Unternehmen müssen Wegzölle entrichten, die zehn Millionen Untertanen zahlen Steuern. Laut einer Studie der amerikanischen Rand-Stiftung nimmt der IS allein durch Erpressung und Steuern im Jahr 400 Millionen Dollar ein. Hinzu kommen 500 Millionen aus dem Verkauf von Erdöl über türkische, irakische und kurdische Mafiabanden. Dreistellige Millionenbeträge fließen obendrein durch den Schmuggel mit geraubten Antiquitäten.

Kein überzeugendes Gegenmittel

Dagegen findet die internationale Gemeinschaft bisher kein überzeugendes Rezept, mit dem den Fanatikern beizukommen wäre. Kurz vor Weihnachten verabschiedete der UN-Sicherheitsrat eine einstimmige Resolution, die die Finanzströme des IS kappen soll. Eine internationale Luftallianz unter der Führung der USA flog seit August 2014 über 8.500 Angriffe auf IS-Stellungen, ohne dass ein spürbarer Effekt erkennbar wäre.

Eine jüngst vom saudischen Vizekronprinzen Mohammed bin Salman in Riad ausgerufene islamische Allianz gegen den Terror aus angeblich 34 Staaten steht bisher nur auf dem Papier. Vor allem aber fürchten die westlichen Nationen die Rückkehrer aus Syrien und Irak: kriegserfahren, fanatisiert und kaltblütig. "Alle europäischen Sicherheitsdienste, mit denen ich im letzten Jahr gesprochen habe, haben panische Angst vor diesem Thema", sagte Terrorexperte Bruce Riedel von der Brookings Institution. "Für diese Bedrohung gibt es praktisch keine Lösung." Man könne einfach nicht alle im Augen behalten.