Die Gotteskrieger des "Islamischen Staats" vermarkten Libyen inzwischen als ihr zweites Kalifat. Mal posieren sie grinsend auf den Straßen, mal werben sie per Video für den Post-Gaddafi-Staat als neues Dschihad-Ziel. "Das Leben hier ist gut, man kann ein Auto und ein Haus bekommen", prahlte ein ägyptischer Extremist gegenüber Gesinnungsgenossen. "Überdenkt euren Wunsch, nach Syrien zu gehen. Libyen braucht euch", twitterte ein anderer.

Während die Aufmerksamkeit der Welt fast völlig auf den Kampf gegen die Dschihadisten in Syrien und im Irak fixiert ist, schlägt die Terrormiliz in Libyen seit Monaten immer festere Wurzeln. Zwischen 2.000 und 3.000 IS-Kämpfer halten sich nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen inzwischen dort auf, vor einem Jahr waren es noch keine 200. Sie kontrollieren vor allem die zentrale Küstenregion um Gaddafis Geburtsstadt Sirte, die 600 Kilometer von europäischem Boden entfernt ist. Der Aufstand der Bürger wurde von den Eindringlingen im August brutal niedergeschlagen. Die lokalen Anführer, darunter auch zwei Geistliche, öffentlich enthauptet und gekreuzigt. "Nichts ist mehr wie vorher in Sirte", sagte ein ehemaliges Mitglied des Stadtrates, das inzwischen nach Misrata geflohen ist. "IS-Kämpfer streifen durch die Straßen. Sie praktizieren die Scharia. Sie kontrollieren Leute, damit diese kein Gebet versäumen. Frauen sieht man praktisch nicht mehr in der Öffentlichkeit." Das lokale Radio sendet koranische Gesänge. Seit Kurzem sind die Gotteskrieger auch nach Adschdabiya vorgedrungen, einer strategisch wichtigen Ölstadt im Osten des Landes, in der sich die Überlandstraßen aus Tobruk und Bengasi sowie der im Süden liegenden Kufra-Oasen kreuzen.

Nach Einschätzung der UN entwickelt sich die ölreiche Mittelmeernation immer mehr zur regionalen Terrordrehscheibe, die nicht nur die direkten Nachbarn Tunesien, Ägypten und Algerien, sondern auch Europa bedroht. "Das IS-Oberkommando in Irak und Syrien betrachtet Libyen als die beste Option, um ihr Kalifat weiter auszudehnen", heißt es in der 24-seitigen Analyse für den Weltsicherheitsrat.

"Wir haben nicht mehr viel Zeit"

Tunesien hatte nach dem Selbstmordanschlag auf die Präsidentengarde mit zwölf Toten im Herzen von Tunis bereits alle Grenzübergange zu Libyen bis auf Weiteres geschlossen. Auch die Attentäter im Bardo-Museum der Hauptstadt und im Imperial Strandhotel von Sosse, die insgesamt 59 Menschen erschossen, erhielten ihr Waffentraining in Libyen. Ägypten hat praktisch sämtliche Wüstenregionen in der Nachbarschaft zu Libyen für Touristen gesperrt. Und die südlichen afrikanischen Nationen Tschad und Niger fürchten, dass das teuflische Bomben-Know-how des "Islamischen Staats" sich nun auch bei ihnen ausbreiten könnte. Selbst die Al-Kaida-Extremisten der Gruppe Al-Mourabitoun, die im Oktober in Bamako ein Luxushotel überfielen und 19 Menschen erschossen, operierten von libyschem Boden aus.

Der IS profitiert vor allem vom politischen Chaos im zerfallenden libyschen Staat. Zwei Regierungen und zwei Streitkräfte kämpfen um die Vormacht. Im Westen kontrolliert das Bündnis "Fajr Libya", das aus moderaten Islamisten und Milizen kleinerer Städte besteht, die Hauptstadt Tripolis, das 200 Kilometer entfernte Misrata sowie die Oasenstadt Sabha im Süden. Seine Regierung und Parlament sind international nicht anerkannt.

Im Osten dominiert die "Libysche Nationalarmee" unter General Khalifa Haftar. Seit mehr als einem Jahr versucht Haftar, die islamistischen Milizen aus Bengasi zu vertreiben und verwandelte dabei Teile der einstigen Heldenstadt gegen Gaddafi in eine Trümmerwüste. Die international anerkannte politische Führung Libyens, deren Wahlmandat inzwischen abgelaufen ist, residiert unter seinem Schutz in Al-Baida und Tobruk nahe der Grenze zu Ägypten. "Es tut uns sehr leid, dass Libyen ein Transitland geworden ist für organisiertes Verbrechen, illegale Migration und Waffenschmuggel", sagte Libyens offizieller Außenminister Mohamed al-Dairy, der in Tobruk sitzt. Libyens Armee und Polizei bräuchten wesentlich mehr Unterstützung, um den Terrorismus wirksam bekämpfen zu können.

Doch die Möglichkeiten, den Zerfall Libyens von außen zu stoppen, sind gering, solange sich die beiden verfeindeten Machtblöcke nicht annähern. Der UN-Sondergesandte Bernardino Leon scheiterte im Oktober mit seinem Vorschlag für einen nationalen Kompromiss. Sein Erbe trat kürzlich der deutsche Diplomat Martin Kobler an. Die ehemalige Kolonialmacht Italien lud nun für den 13. Dezember zu einer internationalen Libyen-Konferenz nach Rom ein. "Wir können den kompletten Zerfall des Landes noch stoppen", erklärte der italienische Außenminister Paolo Gentiloni. Er wolle die Staatengemeinschaft zusammentrommeln, um den entscheidenden Druck für eine Regierung der nationalen Einheit zu erzeugen. "Wir haben nicht mehr viel Zeit."