Die israelische Regierung müsse die Behörde von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas schon aus eigenem Interesse am Laufen halten, sagte Kerry bei einer Konferenz der Brookings Institution in Washington. Denn ansonsten fiele die Verwaltung über das Westjordanland Benjamin Netanjahus Regierung zu. Das könnte letztlich dazu führen, dass die Idee einer Zwei-Staaten-Lösung komplett aufgegeben werden müsse und damit auch die Zukunft Israels als jüdischer Staat.

Viele Palästinenser sind frustriert, weil sich ihre Lage trotz jahrzehntelanger Friedensgespräche nicht verbessert hat. Viele haben auch Vertrauen in Abbas' Führung verloren. Einige israelische Hardliner hatten zuletzt einen härteren Kurs gegen Abbas gefordert.

Kerry: Misstrauen im Nahen Osten "noch nie größer"

Über die Spannungen im Nahen Osten äußerte sich Kerry besorgt. Das Misstrauen zwischen Israelis und Palästinensern sei "noch nie größer" gewesen. Bei seinem Besuch im Nahen Osten im November habe er Palästinenserpräsident Mahmud Abbas "so verzweifelt reden hören wie noch nie über die Hoffnungslosigkeit, die das palästinensische Volk fühlt", sagte Kerry. Der US-Außenminister, der erfolglos für ein Friedensabkommen im Nahen Osten gekämpft hatte, rief beide Seiten zu einem Ende der Gewalt und zum Dialog auf.

Sollten die Palästinenser keine Sicherheitskräfte mehr haben, müsse die israelische Armee die Sicherheitslücke im Westjordanland "mit Zehntausenden Soldaten" füllen, sagte der US-Außenminister. "Und sind die Israelis vorbereitet auf die Konsequenzen, die dies für ihre Kinder und Enkelkinder haben würde, die in der israelischen Armee dienen, wenn die unvermeidlichen Spannungen zu Konfrontationen und Gewalt führen?"

Siedlungsbau mache Zwei-Staaten-Lösung schwieriger

Kerry äußerte sich besorgt über die israelische Siedlungspolitik, auch mit Blick auf das Ziel eines Palästinenserstaates. Der fortdauernde Siedlungsbau "wirft die ernsthafte Frage nach den langfristigen Absichten Israels aus und macht die Trennung von den Palästinensern viel schwieriger". Im Nahost-Konflikt gebe es "keine einfachen Antworten", sagte Kerry. "Aber wir können nicht aufhören, Lösungen zu finden, die uns dem Frieden näher bringen."

Seit Anfang Oktober ist die Lage in der Region äußerst angespannt. Palästinenser verübten Dutzende Attacken auf Israelis, zumeist mit Stichwaffen, aber auch mit Autos oder Schusswaffen. 17 Israelis, ein US-Bürger und ein Eritreer wurden bei diesen Angriffen getötet. Auf palästinensischer Seite wurden 109 Menschen getötet, darunter vor allem erwiesene oder mutmaßliche Angreifer.