Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat Russland zu Korrekturen bei seinem militärischen Vorgehen im Syrien-Konflikt aufgerufen. "Ich würde es begrüßen, wenn Russland bei der Bekämpfung des IS eine konstruktivere Rolle spielen würde", sagte der Norweger den Zeitungen der Leading European Newspaper Alliance, zu der die Welt am Sonntag gehört. "Bisher hat Russland andere Gruppen angegriffen und sich darauf konzentriert, das Regime von Baschar al-Assad zu unterstützen."

Positiv äußerte sich Stoltenberg zur russischen Beteiligung an den Bemühungen um eine politische Lösung. "Ich begrüße es, dass sich Russland bei den Wiener Friedensgesprächen engagiert", sagte Stoltenberg demnach. "Russland ist ein Land, mit dem wir arbeiten müssen, wenn es darum geht, politische Lösungen für diese Konflikte zu finden." Er ergänzte: "Es war nie unser Ziel, Russland zu isolieren."

An den Verhandlungen in Wien hatten zuletzt 17 Länder teilgenommen, darunter Russland und der Iran, der wie die russische Regierung das Regime von Präsident Assad stützt. Wo das nächste Treffen stattfinden soll, steht noch nicht fest.

Stoltenberg warnt vor Militärkonflikten mit Russland

Zu den Spannungen zwischen Russland und der Türkei nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei sagte Stoltenberg: "Wichtig ist jetzt zu deeskalieren und Mechanismen zu entwickeln, um ähnliche Zwischenfälle in Zukunft zu vermeiden." Dies gelte nicht nur für das syrisch-irakische Konfliktgebiet: "Wir sehen einen erheblichen Aufbau von russischer Militärpräsenz vom hohen Norden bis zum Mittelmeer. Auch dort müssen wir ähnliche Zwischenfälle wie in der Türkei vermeiden. Es geht darum, alles zu tun, damit Vorfälle nicht außer Kontrolle geraten."

Sigmar Gabriel für ein "Ende der Eiszeit" mit Russland

Führende deutsche Politiker verzichten hingegen auf Kritik. Nach Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) stellte auch Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD) Russland eine Rückkehr in den Kreis der G8-Staaten in Aussicht. "Ich bin für das Ende der Eiszeit mit Russland", sagte der SPD-Chef der Bild am Sonntag. "Natürlich muss sich Russland erst mal an die Minsker Vereinbarungen zur Lösung der Ukraine-Krise halten. Dauerhaft macht es aber keinen Sinn, Putin zu bitten, geopolitische Probleme wie in Syrien zu lösen und ihn gleichzeitig aus den G8 auszuschließen."

Russland war im vergangenen Jahr wegen der Annexion der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim 2014 aus der Gruppe führender Industriestaaten ausgeschlossen worden. Vor zwei Wochen hatte Steinmeier erklärt, er könne sich vorstellen Russland wieder in die G8 aufzunehmen, falls sich das Land in zentralen internationalen Konflikten engagiert.

Gabriel rechnet damit, dass der Westen beim Kampf gegen die IS-Miliz auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin zählen kann. "Putin hat ein großes Interesse daran, dass sich der islamistische Terror nicht in den Kaukasus und damit nach Russland bewegt", sagte er. "Deshalb wird er aus kühl-kalkuliertem Interesse bei einer Anti-IS-Koalition mitmachen."