In der Mordnacht von Paris, als das ganze Ausmaß der islamistischen Anschläge klar wurde, erklärte Frankreichs Staatspräsident François Hollande in einer Fernsehansprache, dass die Grenzen des Landes geschlossen würden. Wie sich später herausstellte, war die Ankündigung etwas zu forsch. Es ging lediglich darum, die Grenzkontrollen wieder zu verschärfen. Aber der Lapsus des Präsidenten versinnbildlicht einen politischen Wettlauf, der seit den Anschlägen vom 13. November im Gange ist. Es ist ein Rennen mit einer Gegnerin, die keine Regierungsverantwortung trägt und deren Radikalität Hollande nicht übertreffen kann und will: Marine Le Pen, die Chefin des rechtspopulistischen Front National.

Nun wäre es ungerecht, wenn man die Ereignisse in Frankreich seit dem 13. November nur vor der Folie der an diesem Wochenende stattfindenden Regionalwahlen deuten würde. Der von Hollande verhängte Ausnahmezustand, die Durchsuchungen, die Ausweitung der Luftschläge in Syrien, die Tötung des Terrordrahtziehers Abdelhamid Abaaoud in einer Wohnung in der Pariser Vorstadt Saint-Denis – all dies sind, ob man sie nun nachvollzieht oder nicht, in erster Linie Reaktionen eines wehrhaften Staates im Angesichts des Terrors.

Andererseits wäre es aber auch weltfremd, wenn man glauben würde, dass die Aussicht auf die Regionalwahlen in den zurückliegenden drei Wochen keinen Einfluss auf das Handeln von Hollande und seines Regierungschefs Manuel Valls gehabt hätte. Hollande muss schon unmittelbar nach den Anschlägen geahnt haben, dass die Attentate seiner Partei, den regierenden Sozialisten, schaden und dem Front National nutzen würden.

Wenn man verstehen will, wie tiefgreifend die Anschläge das Lebensgefühl der Franzosen verändert haben, reicht es schon, wenn man einen Blick auf die jüngsten Anti-Terror-Maßnahmen von Valls’ Regierung wirft. Am vergangenen Freitag begann die Regierung mit der Verteilung von Merkblättern, auf denen das richtige Verhalten nach möglichen Terroranschlägen dargestellt wird. Die Hinweise, die nun in Museen, Stadien und Kaufhäusern angebracht werden, enthalten Grundregeln fürs Überleben: Vom Tatort flüchten, sich verstecken, Hilfe holen.

In Deutschland hat Bundespräsident Joachim Gauck nach den Anschlägen in seiner Rede zum Volkstrauertag gesagt, dass wir in Zeiten lebten, in denen "Opfer einer neuen Art von Krieg" zu beklagen seien. Der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich besteht allerdings darin, dass die Anschläge vom 13. November die französische Gesellschaft in eine Art Dauerstress versetzt haben, den man sich hierzulande nur schwer vorstellen kann