Am Ende bekam Mariano Rajoy auch noch eine Faust ins Gesicht. Der spanische Ministerpräsident spazierte am Mittwoch durch Pontevedra an der Nordküste des Landes und bot sich den Bürgern für Selfies an, eine Wahlkampfaktion. Der Angriff erfolgte ohne Vorwarnung: Ein 17-Jähriger, der erst ruhig neben dem Konservativen stand, holte plötzlich aus und schlug Rajoy mit voller Kraft auf die Schläfe.

Der taumelte, stürzte aber nicht. "Wie konnte das passieren?", soll der verdutzte Premier noch gefragt haben, dessen Brille bei dem Vorfall zerbrach. Stunden später waren Videos und Fotos seiner rot geschwollenen Gesichtshälfte in allen spanischen Medien zu sehen. Rajoy kam offenbar mit dem Schrecken davon, sein Angreifer wurde überwältigt. Dieser Einzelfall gehöre keinesfalls im Wahlkampf thematisiert, mahnte der Konservative sogleich. 

Obwohl sie so kurz vor Weihnachten stattfindet, sind die Spanier in die Parlamentswahl am Sonntag so emotional involviert wie lange nicht. Nach Jahren der Wirtschaftskrise diskutiert das Land über einen nötigen Politikwechsel – mit der linkspopulistischen Podemos und der liberalen Ciudadanos treten gleich zwei neue Parteien zur Wahl an, die in unterschiedlichen Nuancen genau diesen cambio fordern und so in Umfragen auf rund 16 bis 20 Prozent der Stimmen kommen. Die konservative Partido Popular (PP) hingegen wird mit einiger Sicherheit ihre Mehrheit für eine Alleinregierung verlieren. Und die bisherigen Oppositionsführer von den Sozialisten (PSOE) finden sich plötzlich auf eine Beliebtheitsstufe mit den Politikneulingen zusammengeschrumpft.

Beliebt sind Kussbilder mit Merkel

Die Motive des jungen Angreifers sind bisher unbekannt und die spanische Politik hat tatsächlich der Versuchung widerstanden, den Vorfall zu instrumentalisieren: Die Spanier wollen sich mit Respekt voreinander streiten, wie sie betonen. Nicht immer klappt das und mit dem Respekt für Mariano Rajoy ist es eh so eine Sache. Der Ministerpräsident ist bei vielen seiner Landsleute ziemlich unten durch, ganze Internetseiten haben sich darauf spezialisiert, ihn zu verspotten. Beliebt sind (Begrüßungs-)Kussbilder zwischen Rajoy und Angela Merkel, viele werfen dem Spanier vor, eine Marionette der Deutschen in Sachen EU-Sparpolitik zu sein. Rajoys Kürzungen der Staatsausgaben haben das Land schwer getroffen, er hält den Kurs aber für alternativlos.

Der spanische Premier ist definitiv kein Medienmensch. In Interviews kommt er altbacken und schwerfällig rüber. Seine großen Augen wirken oft, als würden sie mehr staunen als den Überblick behalten. Dass der Ministerpräsident sich im Wahlkampf zwei TV-Duellen mit den drei Spitzenkandidaten der Opposition verweigerte und stattdessen seine Stellvertreterin schickte, sorgte nur für mehr Spott. Schließlich trat er mit Pedro Sánchez, Oppositionsführer der Sozialisten, auf, die Debatte geriet aus dem Ruder, die Kontrahenten beschimpften sich als "unanständig" und "niederträchtig", wobei Rajoy noch als souveräner wahrgenommen wurde als der Sozialist.

Sein Regierungsgeschäft versteht der konservative Regierungspolitiker durchaus. Er ist – ähnlich wie Merkel – ein Technokrat der Macht. 2011, auf dem Höhepunkt der spanischen Wirtschaftskrise, wurde der heute 60-Jährige Ministerpräsident. Seine Arbeitsmarktreformen schafften neue Jobs, die Arbeitslosigkeit liegt aber immer noch bei rund 21 Prozent. Rajoys Kritiker sagen, er habe durch die Lockerung des Kündigungsschutzes und andere Privilegien für Arbeitgeber die prekäre Beschäftigung erhöht. "Rajoy hätte sicher manches besser machen können, aber sein Kurs der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts war alternativlos", sagt hingegen Ángel de la Fuente, spanischer Ökonom und Chef des Wirtschaftsforschungsinstitutes Fedea. Unter Führung der Konservativen verließ Spanien den Euro-Rettungsschirm, den es 2012 zur Sanierung einiger bankrotter Banken in Anspruch nehmen musste, und befindet sich heute auf leichtem Wachstumskurs.

Dennoch erwartet Mariano Rajoy an diesem Sonntag eine herbe Wahlniederlage: 2011 kam seine PP auf 44,6 Prozent der Stimmen und damit auf die absolute Mehrheit, jetzt wird ihr nur noch rund 28 Prozent vorhergesagt. Das liegt auch an zwei Themen, die die Spanier neben der Wirtschaftslage besonders wurmen: die Korruption und das dafür anfällige bisherige Zweiparteiensystem. Ein Grund der Krise sei auch gewesen, dass sich die politische und wirtschaftliche Elite jahrzehntelang ungestört bereichert und dabei sinnlose Politik für Prunkbauten und gegen eine Modernisierung des Systems gemacht habe.