Der Syrien-Einsatz der Bundeswehr, den der Bundestag am vorigen Freitag mit 445 zu 145 Stimmen beschloss, hat mit Syrien so wenig zu tun wie 2001 der Afghanistan-Einsatz deutscher Streitkräfte mit Afghanistan. Er ist ein Akt der Solidarität mit Frankreich nach den Pariser Terroranschlägen – genauso wie der Entsendebeschluss nach 9/11 ein Akt der Solidarität mit den Vereinigten Staaten war: eine Demonstration mitfühlenden Beistands, nicht der Ausfluss militärstrategischer Notwendigkeit.

Sechs Tornados der Luftwaffe sollen am syrischen Himmel Stellungen der IS-Dschihadisten aufklären; ein Tankflugzeug erweitert den Aktionsradius französischer Jagdbomber; die Fregatte Augsburg wird im östlichen Mittelmeer als Begleitschutz in den Verband des französischen Flugzeugträgers Charles de Gaulle eingegliedert; insgesamt werden bis zu 1.200 Soldaten in den Vorderen Orient abkommandiert. Militärisch werden sie kaum einen Unterschied machen. Was sie können, erledigen andere schon längst, und aus Kampfeinsätzen soll sich die Bundeswehr ja heraushalten. Frankreich übt Rache; England schießt mit, um seine schwächelnde internationale Bedeutung aufs Neue zu festigen; 95 Prozent der Luftschläge gegen den terroristischen "Islamischen Staat" führen sowieso die Amerikaner aus.

Doch Deutschland hat sich der Bekundung solidarischer Verbundenheit nicht entziehen können. Zu brüchig ist die Europäische Union schon durch die Griechenland-Krise und die Flüchtlingskrise, als dass Berlin nach der Pariser Anrufung von Artikel 47 des Lissaboner Vertrags sich jedwedem Beistand hätte verweigern dürfen. Die deutsch-französische Achse, das Rückgrat des europäischen Projektes, wäre daran zerbrochen. Auch hat die Überlegung einiges Gewicht, dass wir Deutschen, sollten die IS-Mordkommandos auch bei uns zuschlagen, jeden Anspruch auf Unterstützung verwirkt hätten, wenn wir uns jetzt auf eine Zuschauerrolle beschränkten.

Und doch kann einem bei der ganzen Sache nicht sehr wohl sein. Die völkerrechtliche und grundgesetzliche Legitimation der Mission mag hingehen. Das Mandat indes wirkt inhaltlich wie geografisch verschwommen; ein klares Ziel ist nicht zu erkennen. Und wieder einmal flüchtet sich die deutsche Politik in einen durchsichtigen Etikettenschwindel: Von "Einsatz" ist da schönfärberisch die Rede; das Wort "Krieg" bleibt wohl ein weiteres Mal nicht zugelassen, bis der erste Gefallene auf einem Katafalk zu Hause empfangen wird. Und was als "Strategie" ausgegeben wird, beruht in dreierlei Hinsicht auf höchst wackeligen Annahmen.

Annahme Nr. 1: Ein Krieg könne aus der Luft gewonnen werden. Bomben können ein Land jedoch nur zerstören, sie können es nicht besetzen. Letztlich vermögen sie keinen Sieg zu erringen (das ist nur den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki gelungen). Allein können sie jedenfalls keinen Frieden schaffen. Zum Beweis: Hitlers "Blitz" zwang England nicht in die Knie, und erst die amerikanische Invasion im Westen und der Vormarsch der Roten Armee aus dem Osten besiegelten 1944/45 den Sieg über das längst in Schutt und Asche bombardierte Deutschland. In den vergangenen zwölf Monaten haben die Amerikaner 8.000 Bombenangriffe geflogen. Kriegsentscheidende Wirkung hatten sie nicht.

Annahme Nr. 2: Man könne sich, wenn man partout keine Bodentruppen schicken will – und das will bisher noch keiner – auf Luftangriffe in Kombination mit dem Einsatz lokaler Bodentruppen stützen. Dafür wird auf die "Ertüchtigung" einheimischer Kräfte gesetzt, wer immer die sein mögen – die angeblich 70.000 Mann der Freien Syrischen Armee, die Milizen der weiß wie moderaten Opposition, die Kurden im Nordwesten oder die von der Bundesrepublik bewaffneten und ausgebildeten kurdischen Peschmerga im Nordosten. Die Erfahrungen, die der Westen im Irak und in Afghanistan mit derartigen Verbündeten gemacht hat, sind freilich nicht ermutigend; das geht aus einer Untersuchung des Londoner Internationalen Instituts für strategische Studien mit erschreckender Deutlichkeit hervor. Die ertüchtigten Counterinsurgency-Gruppierungen – Söldnertruppen, um ehrlich zu sein – erwiesen sich vielfach als korrupt, wenig diszipliniert, zerstritten und in hohem Maße unzuverlässig. Alle verfolgten sie ihre eigene Agenda. Diesmal dürfte dies kaum anders sein.

Annahme Nr. 3: Die diplomatischen Bemühungen, in Syrien einen Verhandlungsfrieden zwischen den streitenden Parteien und nach einer Übergangszeit auch einen Regimewechsel zu erreichen, um danach mit vereinten Kräften den "Islamischen Staat" zu zerschlagen, entheben die Mächte vorerst der Notwendigkeit, über militärische Weiterungen nachzudenken. Für den Erfolg der Diplomatie gibt es einige hoffnungsvolle Zeichen, doch allenfalls embryonische Ansätze, keineswegs eine Garantie. Der Abschuss des russischen Bombers durch die Türken erschwert die ohnehin schwierigen Gespräche. Auch die Aufnahme Montenegros mit seinen 2.000 Soldaten in die Nato zu einem Zeitpunkt, in dem alles darauf ankäme, Russlands Einverständnis zu einer gemeinsamen Lösung des syrischen Schlamassels zu erlangen, ist ein törichter Nadelstich; da hat die Allianz jeglichen Sinn für das sachlich Gebotene verloren. Ähnliches lässt sich für das Bestreben sagen, den Iran um Gottes willen nicht stärker in das gemeinsame Bemühen einzubeziehen.

Resümee? Dem politischen Prozess ist absolute Priorität einzuräumen. Scheitert er, oder zieht er sich zu lange hin, wird die Neigung wachsen, militärisch zu eskalieren. Doch dem mission creep, der Rutschbahn, auf der wir allmählich immer tiefer hineinschlittern in einen Krieg, der keinen glücklichen Ausgang nehmen kann, muss sich Berlin unter allen Umständen widersetzen.