Na gut, es gab ein paar spontane Feste. Menschengruppen versammelten sich in einigen Straßen der venezolanischen Hauptstadt Caracas, vor allem in den wohlhabenden Vierteln, und aus den Fenstern schallten Rufe wie "Wir haben gewonnen!". Doch in Caracas hat man schon ganz andere Menschenmassen gesehen und: War die Nacht zum Montag nicht ein historischer Tag? Venezuelas Wähler haben der Linken einen Fausthieb verpasst, sie haben bei der Parlamentswahl den Chavisten die Mehrheit genommen – jenen Anhängern des 2013 verstorbenen Comandante Hugo Chávez und seines Nachfolgers Nicolás Maduro, die das Land seit 16 Jahren fest im Griff hielten und einen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" predigten.

Doch schon am Montagmorgen war wieder alles normal, viele Straßen blieben sogar ungewöhnlich leer, die Begeisterung schien einer Beklemmung gewichen zu sein. Die große Party fand derweil in den internationalen Medien statt, vor allem in solchen, die ein wenig rechts von der Mitte stehen: Einen "Sieg der Demokratie" feierte der britische Economist, "Das Ende der sozialistischen Epoche in Venezuela" rief die Frankfurter Allgemeine Zeitung aus. "Eine linke Bastion fällt", befand Österreichs Die Presse, "Endlich Hoffnung in Venezuela" sah das Wall Street Journal. Das Finanzmagazin Forbes wurde besonders deutlich: Dies sei "der zweite Tod von Hugo Chávez!"

Mit dem Sieg der venezolanischen Demokratie ist es allerdings so eine Sache. Man kann es so sehen, dass hier ein Wahlvolk erfolgreich den Wechsel einleitet, von links nach rechts, wie es auch sonst gerade in etlichen Ländern Lateinamerikas geschieht. Man kann es aber auch anders sehen: dass mit der Abwahl der Chavisten eine neue schwere Krisenzeit für Venezuelas Demokratie beginnt. Dass in Lateinamerika jetzt ein tief gespaltenes 33-Millionen-Land entstanden ist – mit angeschlagenen demokratischen Institutionen, einer kollabierenden Wirtschaft, frei von handlungsfähigen Reformkräften, dafür mit ungeduldigen Militärs. Vielleicht hat es am Montag deshalb keine Partys in den Straßen von Caracas gegeben.

Hugo Chávez, der Comandante, war 1999 nicht einfach angetreten, um ein bisschen sozialistisch-linke Politik zu machen. Sein Ziel war eine Revolution, die er allerdings demokratisch nannte: Die Mehrheit sollte hinter dem Präsidenten stehen, doch dieser sollte das Recht erhalten, tief in die Gesellschaft und die Institutionen des Landes einzugreifen.

Massive Gängelung der Opposition

In linken Kreisen auch in Europa weckten Chávez' Ideen eines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" neue Hoffnung. Auf der Suche nach politischen Alternativen zum Neoliberalismus inspirierte sich mancher Politiker an dem ideensprühenden und feurig daher redenden Comandante. Dabei ging stets ein bisschen unter, dass Chávez seine Heimat kräftig umbaute, um den Sieg der Revolution auch über schlechte Zeiten zu retten. Wahlkreise wurden umgelegt und Wahlregeln geändert, sodass ein Sieg der Rechten schwieriger wurde – ein Erdrutsch wie am vergangenen Wochenende ist dafür inzwischen notwendig. Die Militärs schworen nicht mehr ihrem Land die Treue, sondern der Revolution sowie Chávez. Bewaffnete Motorrad-Kommandos wurden in den Armutsbezirken installiert, um im Notfall die Revolution zu verteidigen. Wie sie sich diese Woche verhalten werden, ob es Ausschreitungen gibt, ist bislang völlig unklar.

Oppositionspolitiker wanderten mit zweifelhaften Anschuldigungen hinter Gitter, studentische Demonstranten wurden hart angefasst und nach ihren Angaben und denen von Menschenrechtsgruppen in Folterkeller gesteckt. Überhaupt: Weil die Studenten keine aufrechten Revolutionäre sind, sondern 2014 massenhaft gegen die Chavisten auf die Straße gingen, will die Regierung das Auswahlverfahren an den Universitäten ändern.

Chávez brach Ungerechtigkeit mit undemokratischen Mitteln auf

Aus liberaler Sicht ist das alles sehr undemokratisch, aus chavistischer Perspektive eher nicht. Der Comandante war ja erst an die Macht gekommen, weil Venezuela zuvor eines der ungerechtesten Länder der Welt war. Weit verbreitete Armut, relativ gesehen und absolut, obwohl das Land zugleich eines der reichsten Ölländer der Welt war, ein OPEC-Mitglied und Ölexporteuer. In Venezuela wechselten sich bürgerliche Eliten unterschiedlicher Geschmacksrichtungen an der Regierung ab und verteilten die sprudelnden Ölgewinne an ihre Klientel, nur die Masse der Armen blieb ausgeschlossen. 

Chávez entschloss sich, dies mit aller Gewalt aufzubrechen, wenn auch streng genommen mit undemokratischen Methoden. Die rechte Opposition, die 2002 putschte und Chávez vorübergehend festnahm, erwies sich damals übrigens auch nicht als lupenrein demokratisch. Chávez' glückloser und hölzerner Nachfolger Nicolás Maduro drosch im vergangenen Jahr auch deshalb so rabiat auf oppositionelle Demonstranten ein, weil wieder die gleichen Drahtzieher dahinter steckten, weil eine Wiederholung von 2002 nicht ausgeschlossen war.