Per Facebook und Messenger-Dienste werden Aufrufe verbreitet, am Sonntag in deutschen Städten zu protestieren. Sie klingen martialisch und sind mit "Achtung, Krieg!" überschrieben; angeblich versuchten Medien und Politik, die Tat zu vertuschen, man müsse sie wehren. Rechte, Russlanddeutsche und von einem Schweigekartell Überzeugte haben sich zu einer Allianz zusammengeschlossen, die keine Skrupel kennt.

Und sie haben Erfolg. Das Misstrauen gegen die deutschen Institutionen und Eliten wächst derzeit stetig, seit der Silvesternacht in Köln herrscht Verunsicherung und Beunruhigung. Die Moderatorin im russischen Staatssender Erster Kanal zu einem Beitrag über Lisa bedient alle Ängste: "Minderjährige werden vergewaltigt, die Polizei tut nichts, die Täter laufen frei rum", sagt sie. "Das ist die neue Ordnung in Deutschland."

Das antieuropäische Ressentiment wird von den russischen Staatsmedien schon lange bedient. Doch jetzt fällt es auch bei uns auf fruchtbaren Boden. Nun wird es auch hier immer heftiger verfochten. Viele glauben an das Narrativ der russischen Staatsmedien, Europa habe sich selbst an den Abgrund gebracht, der Westen sei verkommen, habe seine Traditionen verraten.

Das Bild vom dekadenten Gayropa

Mal zeichnen diese Medien ein Bild vom skrupellosen Europa, das ukrainische Faschisten unterstützt, mal vom dekadenten Gayropa, das Schwulen Rechte gibt und damit die traditionelle Familie bedroht, mal vom unterwanderten Europa, das an seiner Flüchtlingspolitik zugrunde geht. Derweil hält man sich mit innenpolitischen Themen in Russland lieber nicht auf. Probleme, sie sind immer woanders.

Die Ablenkungsstrategie funktioniert. Kürzlich in dem ostukrainischen Dorf Kominternowe, Tage bevor die Geschichte des 13-jährigen Mädchens bekannt wurde: Das Dorf ist zwischen den Fronten eingekeilt, seit Kurzem wird es wieder beschossen. Es ist nicht leicht hineinzukommen. Es herrscht das Elend. Es gibt keine staatlichen Strukturen, keine Versorgung mit Lebensmitteln und Kohle. Es fehlt so ziemlich an allem in Kominternowe, nur nicht an Nachrichten des russischen Staatsapparates. Als die Kollegin eines deutschen Mediums es in das Dorf schafft, begrüßen sie die Bewohner neugierig. "Sagen sie", wird sie gefragt, "warum vergewaltigen in Deutschland Flüchtlinge die Weiber?"