Gleich nach der Revolution hatten wir viele Möglichkeiten, investigative und kritische Geschichten zu schreiben. Mit Blogs, Facebook und Twitter hatten wir plötzlich ganz andere Möglichkeiten. Heute muss ich als Journalistin aufpassen, worüber ich schreibe. Ich bekomme keine direkten Drohungen. Aber es werden in Marokko ähnlich wie in Ägypten immer wieder prominente Journalisten verhaftet. Das soll uns einschüchtern.

Manchmal biete ich den Zeitungen kritische Geschichten an, etwa zum Reichtum der Herrschenden oder zu den undurchschaubaren Geschäften des Königshauses. Dann verweigern die Redakteure einen Abdruck und sagen: Darüber kannst du doch nicht schreiben! Such dir ein anderes Thema, deine Recherchen werden uns zerstören!

Vielleicht sind wir jetzt realistischer als 2011. Wir müssen uns ja nur umschauen: Die ganze Region leidet an Regression. Und doch: Widerstand gibt es noch immer, vor allem in kleinen Initiativen. Es gibt Debattierclubs, Theatergruppen oder NGOs.

Die Marokkaner haben 2011 gelernt, dass sie nicht nur reagieren müssen, sondern auch selbstbestimmt handeln können. Deshalb sind unsere Hoffnungen noch immer da. So viele Menschen sind gestorben für ihre und für unsere Träume. Deshalb haben wir eine Verantwortung. Denn es geht nicht nur um uns persönlich. Es geht um unser ganzes Land.

Viele kehren nie mehr zurück

Klar ist: In Marokko sind die Bedingungen vor allem für junge Leute sehr hart. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die meisten kämpfen jeden Tag darum, irgendwie über die Runden zu kommen. Viel Platz für die Erfüllung eigener Träume gibt es da nicht. Etliche gehen deshalb ins Ausland, fliehen nach Europa. Viele kehren nie mehr zurück.

Ich möchte niemanden dafür verurteilen. Ich kenne dieses Land. Ich weiß, wie frustrierend es ist, zu wissen, dass man seine Ziele nie erreichen wird. 

Als Marokkaner hast du drei Optionen: Du kannst deine Träume an die Realität anpassen. Du kannst weggehen und versuchen, deine Ziele woanders zu verwirklichen. Oder du kannst für deine Träume kämpfen, was sehr viel Zeit und Geduld erfordert.

Ich habe mich für die dritte Option entschieden. Ich denke nicht daran, Marokko zu verlassen. Ich träume weiter davon, dieses Land voranzubringen.

Protokolliert von Andrea Backhaus