Es begann mit einer kleinen Meldung im vergangenen Herbst am Rande der aufkommenden Flüchtlingskrise in Europa. Dutzende Menschen aus dem Nahen Osten versuchten, mit dem Fahrrad über die russische Grenze nach Norwegen zu gelangen. Mit dem Fahrrad, weil ein Grenzübertritt zu Fuß zwischen Russland und seinen skandinavischen Nachbarn nicht gestattet ist. Über Monate wurden aus Dutzenden Hunderte und bei den Skandinaviern wuchs ein Verdacht gegen den Nachbarn im Osten: Ist diese Flüchtlingsbewegung vielleicht von russischer Seite organisiert? Ein Versuch der Russen, Norwegen und Finnland zu destabilisieren? "Immer mehr Flüchtlinge aus Russland kommen nach Finnland und Norwegen", sagte auch EU-Kommissar Johannes Hahn im Interview mit ZEIT ONLINE. "Die haben sich wahrscheinlich nicht von selbst auf den Weg gemacht."

Die Vorwürfe klingen auf den ersten Blick bizarr. Im vergangenen Jahr erreichten etwa 5.500 Asylsuchende Norwegen über die russische Grenze. Gut 700 Menschen versuchten es 2015 in Finnland. Seit Jahresanfang, nachdem Norwegen seine Grenzen dicht gemacht hat, kamen zusätzliche 985 Menschen über die nordfinnischen Grenzübergänge Salla und Raja-Jooseppi, die meisten aus Afghanistan, Syrien, Indien, Nepal und Bangladesch. Vor dem Hintergrund der insgesamt jeweils über 30.000 Asylanträge in beiden Ländern im vergangenen Jahr scheinen die Zahlen klein zu sein. Doch die Stimmung unter Russlands Nachbarn ist aufgewühlt.

Bereits im Oktober 2015 bat Norwegens Außenminister Børge Brende seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow um eine Erklärung für das plötzliche Auftauchen der Flüchtlinge. Auch das finnische Innenministerium spricht von einem neuen Phänomen. "Früher haben die Russen niemanden ohne Schengen-Visum durchgelassen, diese Praxis hat sich nun verändert", sagte eine Sprecherin ZEIT ONLINE. Zudem gebe es Hinweise auf organisierte Schlepperbanden im russisch-finnischen Grenzgebiet. Die finnische Polizei untersuche derzeit zahlreiche Fälle.

Für zusätzliche Aufregung sorgte Ende Januar 2016 der finnische Presse-Fotograf Jussi Nukari. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB, der zum Grenzschutz gehört, entscheide, welches Auto wann und wie zur Grenze komme, behauptete der Fotograf und berief sich auf einen russischen Grenzsoldaten. Der finnische öffentlich-rechtliche Sender YLE berichtete darüber. Auch Finnlands rechtskonservative Europapolitiker warfen Russland in einer YLE-Sendung vor, die Flüchtlingskrise als außenpolitischen Hebel zu missbrauchen.

Auch wenn Moskaus Behörden jegliche Vorwürfe von sich weisen, scheint es auf russischer Seite ein reges Geschäft mit der Not der Flüchtlinge zu geben. In der nordrussischen Stadt Kandalakscha sind die Hotels bewohnt von jenen, die nach Finnland wollen. Weil sie dazu ein Fahrzeug brauchen, boomt der Handel mit Schrottautos. Der gängigste Weg führt über ein russisches Touristenvisum. Wenn dies abgelaufen ist, braucht der Ausreisende zudem einen Ausweisungsbescheid von russischer Seite, um an der finnischen oder norwegischen Grenze nicht abgewiesen zu werden. Der Weg führt meistens über einen Zwischenstopp in Moskau nach Murmansk und von da aus in die grenznahen Städte Kandalakscha oder Nikel.

Keine Beweise für russische Aktionen

Ab hier kosten die Dienste eines Schleppers angeblich 1.500 Dollar. Für viele scheint dieser Weg, verglichen mit einer Überfahrt über das Mittelmeer, nicht nur relativ sicher, sondern auch ausgesprochen günstig. Zumal viele Flüchtlinge vorher längere Zeit in Russland gelebt haben, meist in prekären Umständen, ohne anständige Wohnung und mit einem Knochenjob, ständig in der Sorge, des Landes verwiesen zu werden. Einige von ihnen haben sich daher den Neuankömmlingen aus Nahost und Afrika angeschlossen.

Für Swetlana Gannuschkina ist das alles kein Grund zur Aufregung. Geschäfte mit der Not anderer Menschen seien keine speziell russische Erscheinung, sagt die Vorsitzende der Hilfsorganisation für Flüchtlinge Zivile Unterstützung. Sie gehört zu den lautesten Kritikern der russischen Flüchtlingspolitik und hatte selbst Gelegenheit, sich an der norwegisch-russischen Grenze ein Bild von der Lage zu machen. Der eigentliche Skandal aus ihrer Sicht: Russland drücke sich vor seiner Pflicht, Flüchtlinge selbst aufzunehmen und zwinge sie seinen Nachbarstaaten auf. "Es gibt für mich aber keine Hinweise darauf, dass der russische Saat den Flüchtlingsstrom initiiert. Zumal die Grenzbeamten nicht dazu verpflichtet sind, Menschen ohne Schengen-Visum an der Grenze zurückzuhalten, wenn diese ausdrücklich das Land verlassen wollen", sagt die Expertin. Ohnehin hätten die meisten von ihnen einen gerichtlichen Ausweisungsbescheid und dürften selbst wählen, wo sie das Land verlassen.

Verhandlungen laufen

Auch der finnische Grenzschutz sieht "keinen Grund für Spekulationen", wie ein Vertreter der Behörde ZEIT ONLINE sagte. "Wir haben keine Beweise für eine staatliche Einmischung." Es gebe derzeit eine Kooperation in der Frage, ob einige Flüchtlinge, die kein Asyl in Finnland bekommen, nach Russland zurückkehren können.

Offenbar haben weder Finnland noch Norwegen ein großes Interesse daran, Menschen aufzunehmen, die einen legalen Aufenthaltsstatus in Russland besitzen. Das finnische Innenministerium stellt klar: "Die große Mehrheit der Menschen, die über die Ostgrenze zu uns kommen, flieht nicht vor Verfolgung, Krieg oder groben Menschenrechtsverletzungen und wird daher kein Asyl in Finnland bekommen können." Ähnlich dürfte es Norwegen auch sehen, auch wenn die Behörden das Thema lieber nicht kommentieren wollen.

Hinter den Kulissen laufen Verhandlungen zwischen Russland und seinen skandinavischen Nachbarn. Ende Januar war Russlands Innenminister Wladimir Kolokolzew in Helsinki, um die Situation mit seinem Amtskollegen zu diskutieren. Anfang Februar trafen sich die sellvertretenden Chefs der Migrationsbehörden von Russland und Norwegen in Moskau. Daraufhin stimmte Russland der Rückkehr von etwa 300 Flüchtlingen zu, die einen legalen Status in Russland hatten. Etwa ebenso viele hatte die norwegische Seite zuvor in Bussen nach Murmansk zurückgeschickt. Finnland hat bisher nur 24 Menschen wieder nach Russland zurückgeschickt. Es dürften nicht die letzten gewesen sein.