Der Premierminister brauchte nach dem Anschlag
in Ankara nur wenige Stunden, um die Verhältnisse wieder klar zu ordnen: Dort
die Terroristen, vor allem die kurdischen, hier der redliche Rest der Türkei.
Für den Angriff mit 28 Toten sei ein 23-jähriger kurdisch-syrischer Kämpfer
verantwortlich, der als Flüchtling in die Türkei gekommen sei, sagte Ahmet Davutoğlu.
"Wir rufen alle Länder dazu auf, gegen diese terroristischen
Organisationen klar Position zu beziehen", so der Premierminister. Wer
nicht an seiner Seite stünde, stelle sich "auf Seite der Terroristen".
Wer für uns ist, muss gegen die kurdischen Terroristen sein: Die türkische
Regierung baut auch den Anschlag in der Hauptstadt in diese schwarz-weiße
Deutung ein. Der Attentäter gehöre zur YPG, einem kurdischen Kampfverband in
Nordsyrien, verkündete der AKP-Ministerpräsident Davutoğlu. Bei dem Autobombenanschlag
auf einen Militärkonvoi im Regierungsviertel von Ankara waren am Mittwoch 28
Menschen getötet und mehr als 60 weitere verletzt worden. Es bekannte sich zwar
niemand zu der Tat, aber noch während die Rauchsäulen über Ankara stiegen,
kündigte Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan bereits Vergeltung an. Man sei
entschlossen, vom "Recht auf Selbstverteidigung" Gebrauch zu machen.
Verantwortlich für die Toten von Ankara soll also ein Kämpfer der kurdischen
YPG sein, die in Nordsyrien aktiv ist. Deren politischer Arm, die PYD, widersprach
den Anschuldigen zwar: "Wir haben keine Verbindung zu diesen
Bombenanschlägen und zu dem, was innerhalb der Türkei passiert", sagte der
PYD-Anführer Salih Muslim. Doch die Marschrichtung ist schon längst vorgegeben.
Sie lautet: Die Kurden sind schuld, deshalb müssen sie bezahlen.
Anschlag nutzt Zielen der türkischen Regierung
So nutzt der Anschlag bizarrerweise den politischen und militärischen Zielen
der türkischen Regierung. Sie wollen die kurdische Eigenständigkeit in ihren
Nachbarländern Syrien und Irak eindämmen. Denn dort haben YPG-Kämpfer die
Kontrolle in den drei Kantonen Afrîn, Cizîrê und Kobani am syrisch-türkischen
Grenzgebiet übernommen. Außerdem haben sie einen syrischen Militärflughafen und
mehrere Dörfer südlich der Kleinstadt Azaz eingenommen.
Sie haben das nicht allein geschafft – und hier wird es problematisch für
Erdoğan und Davutoğlu. Denn die YPG bekommt Unterstützung durch Luftangriffe
von US-Streitkräften einerseits und russischen Streitkräften andererseits. Beide
stärken die kurdischen Kämpfer, um so den "Islamischen Staat" (IS) zu schwächen.
Sie machen also gemeinsame Sache mit jener Gruppierung, die nun für den
Anschlag in Ankara verantwortlich sein soll. An sie richtet sich also Davutoğlus
Appell, sich nun gegen die kurdischen "Terroristen" zu entscheiden.
Ankara will die kurdischen Geländegewinne im Nachbarland nicht hinnehmen. Schon
seit Samstag attackieren türkische Streitkräfte Stellungen der YPG in Syrien.
Die Europäische Union und Washington haben appelliert, die Bombardierungen
einzustellen – doch Ankara greift weiterhin an, um einen Kurdenstaat zu
verhindern, aber auch um sich Einfluss zu sichern. Denn Azaz, rund sieben
Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, ist auch von strategischer
Bedeutung. Die Stadt war bisher Versorgungskorridor für die Unterstützung
von Zivilisten und syrischen Rebellengruppen in der von Russen bombardierten Stadt
Aleppo. Mit ihrer Landeinnahme durchkreuzt die YPG auch Ankaras Pläne,
Bürgerkriegsflüchtlinge auf syrischem Gebiet versorgen zu können und damit den
Flüchtlingsstrom ins eigene Land zu stoppen.
Davutoğlu warnt YPG vor Vormarsch in Nordsyrien
"Wenn sie sich nicht zurückziehen, wird dieser Flughafen zerstört", drohte Davutoğlu am Montag, gleichzeitig warnte er die YPG vor einem weiteren Vormarsch in Nordsyrien. Ankara werde nicht zulassen, dass kurdische Milizen östlich der Stadt Azaz oder westlich des Flusses Euphrat vorrückten, wo die moderate Opposition agiere. Nur wenige Stunden später konnten die Kurden die Stadt Tall Rifaat nahe der türkischen Grenze einnehmen. "Wir werden nicht erlauben, dass Azaz fällt", sagte Davutoğlu, und kündigte eine "harte Reaktion" an.
Die Anschläge in Ankara sollen nun also helfen, die Bombardements des türkischen Militärs in den Nachbarländern zu rechtfertigen. Wenn die YPG als in der Türkei bombende Mördertruppe dasteht, gibt sie einen schlechten Verbündeten für die USA, Russland und die EU ab, und ein gutes Ziel für die Türkei.