Nach dem missglückten Votum stiegen zwei Koalitionspartner – Timoschenkos Vaterlandspartei und Selbsthilfe – aus dem Bündnis aus, das damit seine Mehrheit verlor. Doch schon ist ein neuer Partner gefunden. Der Königsmacher einer neuen Mehrheit ist Oleh Ljaschko, umstrittener Chef der populistischen Radikalen Partei. Er bietet nun seine Kooperation an, obwohl er in der Vergangenheit ebenso gegen Jazenjuk zu Felde zog und ein Teil seiner Abgeordneten den Misstrauensantrag unterstützte.

Er wird sich seinen Rettungseinsatz einiges kosten lassen: Ljaschko fordert offenbar das Amt des Parlamentssprechers sowie zwei Ministerien. Aufgrund seiner aggressiven Linie im Donbass wäre mit einer Koalitionsbeteiligung der Radikalen Partei die im Minsk-Prozess vorgesehene Dezentralisierung im Rahmen einer Verfassungsreform kaum durchzubringen. Analyst Gorbatsch spricht von einer "zeitweiligen Lösung" und glaubt nicht, dass die Regierung länger als April durchhält.

Reformen haben dort gegriffen, wo es westlichen Druck gab

Die Ukraine scheint die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben. Schwer zu sagen, was destruktiver ist: die derzeitige Geschäftemacherei eines politischen Personals, das sein Ansehen längst verloren hat, oder Neuwahlen, die das Land für Monate lähmen und Finanzhilfen einfrieren würden? Moritz Junginger von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Kiew sagt, die Regierung müsse nun "das Vertrauen der eigenen Bevölkerung und der westlichen Unterstützer wiedergewinnen". An den Ernennungen künftiger Minister werde sich zeigen, wie viel Bereitschaft es gibt, tatsächlich Reformen durchzuführen.

In der Vergangenheit haben Reformen dort gegriffen, wo westlicher Druck Kiew dazu zwang, etwa bei der Liberalisierung des Gasmarktes oder bei Maßnahmen, die für die Einführung der EU-Visafreiheit nötig sind. Der Druck müsse aufrechterhalten werden, sagen Experten wie Junginger.

In Kiew dreht sich jetzt das Postenkarussell. Schon wird spekuliert, ob Petro Poroschenkos Präsidialamtsleiter Boris Loschkin ein Amt in der Regierung übernehmen könnte: Vizepremier für Wirtschaftsfragen, womit er Nachfolger des Reformers Aivaras Abromavičius wäre, dessen Rücktritt vor zwei Wochen die jüngste Krise ausgelöst hatte. Bedeutet das mehr Reformen? Bedeuten würde dies vor allem, dass der Präsident seine Kontrolle über die Regierung verstärkt.