"Es ist nicht einfach. In jedem der Kinder sehe ich meine eigenen", sagt Katie DeRosia. Und sie sieht viele Kinder. Die Amerikanerin aus Memphis arbeitet für die holländische NGO Boat Refugee Foundation. Sie steht fünf Meter über dem Meer auf einem Vorsprung. Mit einem Fernglas sucht sie den Horizont ab. Entdeckt sie ein Boot, fährt sie mit anderen Helferinnen zur möglichen Landestelle. "Vor wenigen Tagen kam eine Mutter mit sieben Kindern an, eine andere Frau war schwanger im neunten Monat. Als sie den Strand erreichte, war sie in den Wehen. Wir konnten sie noch rechtzeitig in ein Krankenhaus bringen."

Seine drei Kinder hat Zalmai mitgebracht. Er steht im Olivenhain, sie sitzen im Schatten auf Campingstühlen, lehnen sich vor und zurück und lachen. In Afghanistan verkaufte Zalmai auf einer Air Base Schmuck und Red Bull an amerikanische Soldaten. Als die das Land verließen, kamen die Taliban. Er hält einen Tee in der einen, sein Smartphone in der anderen Hand. Er zeigt Empfehlungsschreiben der US-Armee. Er schüttelt den Kopf. "Sie müssen mir doch helfen", sagt er. Er schiebt das Telefon in die Tasche seiner Steppjacke. Von dort, wo er steht, kann er die Türkei und das Meer sehen.

Frontex patrouilliert verstärkt in der Ägäis

Ende Februar beschloss die Nato, Schiffe in die Ägäis zu schicken. Sie sollen verhindern, dass weiter Flüchtlinge von der Türkei nach Griechenland übersetzen. Über den Einsatz sei er nicht informiert worden, sagt der Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos. Er lehnt sich hinter seinen dunklen Schreibtisch zurück. Das Vorhaben sei der neueste in einer langen Reihe von Fehlern der Europäischen Union. "Was will die Nato hier? Die Frauen und Kinder Willkommen heißen?" Gesehen habe die Nato-Fregatten bisher niemand. Nicht die Helfer an der Küste, nicht die Frontex-Polizisten in ihren Booten.

Die Grenzschutzagentur hat seit Anfang des Jahres ihre Operation auf Lesbos deutlich erweitert. 360 Beamte arbeiten auf der Insel. Der Portugiese Antonio Rocha ist einer von ihnen. Er steuert sein Frontex-Schiff vor der Nordküste. Vergangene Woche habe seine Mannschaft zwei Flüchtlingsboote aufgegriffen. "Das Wasser in der Kabine stand eine Handbreit hoch, als die Frauen und Kinder sie am Hafen verließen", sagt er. "So nass waren sie." Meist sitzen die Männer außen auf den Schlauchbooten, Frauen und Kinder in der Mitte. Gelangt Wasser ins Boot sammelt es sich dort. Wenn ein Boot gesichtet wird, erhält Rocha Informationen über Funk von Frontex-Beamten und Freiwilligen.

Die Helfer sind überall – im Wasser, an der Küste und in den Lagern. "Die Zusammenarbeit ist herausragend", sagt der Bürgermeister, während die europäische Gemeinschaft weitgehend abwesend sei. "Es gibt viele Momente, in denen ich mich von Europa vergessen fühle", sagt Galinos. In seinem Büro steht neben der griechischen die blaue Europaflagge mit den gelben Sternen. Er fordert, dass EU und Türkei endlich zusammenarbeiten müssten. Die Situation beunruhige ihn. Auch Beobachter wie Cheshirkov sehen beunruhigt auf die Situation im Norden. Nehme der Druck auf die Grenzen im Norden zu, drohe eine humanitäre Katastrophe, sagte er, während er unweit des Rathauses in Mytilini sitzt. 

Fähren als letzte Hoffnung

Von dort aus kann der Bürgermeister seinen Notfallplan sehen. Seit Ende Februar ist die El. Venizelos im Hafen vertäut. 4.000 Flüchtlinge halten sich derzeit auf der Insel auf, 6.000 könnte Lesbos momentan aufnehmen. Die Fähre ist 175 Meter lang und höher als das höchste Hotel der Stadt. Bis zu 2.500 Menschen sollen darauf Platz finden. "Wenn die Lager überfüllt sind, werden wir Flüchtlinge auf das Boot schicken", sagt Galinos. Ist das Boot voll, soll es ablegen und die Menschen nach Athen bringen.

 Im Schatten der Venizelos steht abends Irma Bonte, eine Kollegin von DeRosia. Sie zieht den Reißverschluss ihres Zippers hoch. Auf dem Parkplatz vor den Schiffen verteilt sie Kleidung an Flüchtlinge. Die Kartons und Tüten vor ihr sind voll mit Jogginghosen, Ringelpullovern und Strickmützen. Ein Mädchen kommt und kriegt ein Kuscheltier. Sie drückt es an ihre Brust und läuft zu ihrer Mutter. Später werden sie auf eine der Linienfähren nach Athen steigen. Noch fahren die Schiffe. Wie lange, weiß niemand.