In den vergangenen Tagen machte eine interessante Kurvengrafik im Internet die Runde: Sie zeigt, dass die Anzahl der Terroranschläge in Europa seit Mitte der 1970er Jahre kontinuierlich zurückgeht. Trügt also der Eindruck von der zunehmenden Bedrohung durch islamistische Bombentrupps?

Nein. Im Gegenteil: Durchleuchtet man die historischen Gründe hinter den Datenspitzen, ist viel eher die Sorge berechtigt, dass Europa vor einem neuen Kurvenanstieg stehen könnte. Ein Rückblick auf Europas Terrorismusgeschichte führt nämlich schnell zu der Frage, was das Brüssel von heute womöglich mit dem Belfast der siebziger Jahre verbindet. Und diese Gemeinsamkeiten erscheinen alles andere als beruhigend.

Die Terrorgruppe, die bisher die größte Anzahl Europäer tötete – 1.064 nach Zählung der Global Terrorism Database – war die IRA. Die meisten Opfer der Troubles, der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzung zwischen pro-irischen Nationalisten und pro-britischen Loyalisten, gab es zwar in Nordirland selbst. Doch nach dem Bloody Sunday 1972 in Londonderry trug die "Irisch-Republikanische Armee" ihren Guerillakrieg zur Befreiung der Insel von britischer Herrschaft nach England. Ihre Zellen schlugen dort bis in die neunziger Jahre wieder und wieder zu, vor allem in London, aber auch Birmingham, Brighton, Yorkshire.

Wie konnte eine Terrororganisation, die im wesentlichen aus einigen Hundert Mitgliedern aus wenigen Stadtvierteln Nordirlands bestand, so lange so mörderisch erfolgreich sein? Zum einen nicht trotz, sondern gerade wegen der brutalen Methoden, mit denen die britischen Nachrichtendienste, Polizei und Armee die Nationalisten damals bekämpften. Dazu zählten Internierung, Folter, gezielte Tötungen, Ausgangssperren und willkürliche nächtliche Hausdurchsuchungen. All dies sorgte, zusammen mit einer schon längeren sozialpolitischen Unterdrückungsgeschichte der Katholiken in Nordirland, für ein Zusammenrücken der nationalistischen Communities.

Selbst Katholiken, die die IRA nicht aktiv unterstützen, pflegten Sympathien für deren Kampf. Sie versteckten Gewehre, boten Unterschlupf oder versorgten versteckte IRA-Mitglieder. Und wenn es nicht Sympathie war, dann war es Angst vor den IRA-Prügelkommandos, die die Leute dicht halten ließ gegenüber der Polizei. Mitglieder der IRA waren in der Regel bekannte Persönlichkeiten. Man konnte sich sogar mit Problemen an sie wenden. Verriet man sie aber an die Behörden, war der Kopfschuss sicher.

In den dicht bevölkerten Proletariersiedlungen Nordirlands mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit und verbreiteten Kleinkriminalität verband sich der politische Kampf mit den Methoden der Mafia. Diese breite Solidarität, teils von Herzen, teils gewaltsam gesichert, war in den Arbeiterviertel von West-Belfast noch bis weit in die neunziger Jahre hinein sichtbar. Orange-weiß-grün gestrichene Bordsteine, IRA-Flaggen an den Dachgiebeln, heroische Wandgemälde zeigten an, in wessen Herrschaftsbereich man sich bewegte.

Warum konnte Abdeslam monatelang in Molenbeek leben?

Genau diese Verbindung von einer gewissen Grundsympathie mit den Motiven der Terroristen und einem Hass darauf, was die Anderen der eigenen Gruppe antun – Krieg, Folter, Internierung und gezielte Drohnentötungen – scheint es heute in anderen Stadtvierteln Europas wieder zu geben. Warum konnte sich einer der Hauptverdächtigen der Paris-Attentate, Salah Abdeslam, drei Monate lang unbemerkt in Brüssel-Molenbeek aufhalten? Warum bewarfen junge Muslime Polizisten bei seiner Festnahme mit Flaschen und riefen etwas von ihrem Helden Abdeslam entgegen? Wie konnten sich in den vergangenen Jahren schätzungsweise bis zu 6.000 junge Muslime in Europa derart radikalisieren, dass sie nach Syrien reisten, um sich dem IS anzuschließen? Das sind zehnmal mehr gewalterfahrene Extremisten, als der harte Kern der IRA jemals hatte.

Wenn die Parallelen stimmen, wenn Islamisten mittlerweile sichere Quartiere in bestimmten Vierteln europäischer Städte beanspruchen können, dann ist das Problem heute ungleich größer als damals im überschaubaren Nordirland. Neben der geografischen Begrenzung verfolgte die IRA weltliche Ziele, über die verhandelt werden konnte und über die die britische Regierung im Geheimen auch immer mit ihr verhandelte. Der Konflikt konnte schließlich beigelegt werden, 1998, in Form einer Selbstverwaltung Nordirlands.

Über welche Ziele aber will man mit Leuten reden, die die Ermordung von Ungläubigen als Selbstzweck verfolgen?

Noch mögen wir es in Europa mit weniger Terroropfern zu tun haben als zu den Hochzeiten des nationalistischen Extremismus. Aber was passiert mit der Kurve, wenn man das historische Beispiel IRA multipliziert mit der Irrationalität und der Universalität des religiösen Terrorismus?

Jochen Bittner verbrachte Ende der neunziger Jahre einige Monate in Belfast und schrieb zusammen mit Christian Knoll das Buch Ein unperfekter Frieden. Die IRA auf dem Weg vom Mythos zur Mafia.