Nach dem niederländischen Referendum gegen die EU-Politik in der Ukraine droht in Großbritannien bald der nächste große Rückschlag für das europäische Einigungsprojekt. "Nein zu Europa!", johlen die Anhänger der Nein- und Brexit-Kampagnen. Einem Araber im zerrissenen Nahen Osten oder einem Afrikaner in einem Bürgerkriegsland mag es paradox erscheinen: Viele EU-Bürger hadern mit der EU, die ihnen Frieden, präzedenzlosen Wohlstand und nie gekannte Freiheit gebracht hat. Überdruss am Überfluss? So sieht es jedenfalls für jene aus, die von außen verwundert sehen, wie manche Europäer lieber heute als morgen ihr Haus ruinieren möchten.

Tatsächlich sind die Gründe, gegen Europa und die EU-Politik zu sein, natürlich vielfältig. So vielfältig wie die politischen Gruppen, die dahinter stehen.

Rechtsextremisten und Linksradikale, Populisten aller Couleur, Putin-Verteidiger, Stalin-Nostalgiker, Erzkonservative und Abendland-Klerikale, Antikapitalisten und Befreiungsschwärmer. Manche sind gar keine Ideologen. Sie lehnen nur bestimmte Teile der EU-Politik ab, weil sie für eine bessere Welt kämpfen wollen. Am Ende könnten sie aber auch das Geschäft der EU-Skeptiker besorgen.

Die Brexitologen in England wollen der verhassten EU schaden

Die Ideologen wissen, wogegen sie sind und was sie tun. Der schleichende Staatsstreich in Polen folgt einem ähnlichen Muster wie die Machtübernahme Viktor Orbáns in Ungarn. Die Visegrad-Staaten Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien wollen in der EU einen Block bilden, der die EU auf eine unverbindliche Empfehlung für Kleinstaat-Nationalisten reduziert. Die Brexitologen in England wollen der verhassten EU schaden und mit einem Mini-Britannien im globalen Ozean wieder ganz groß werden. Wer’s glaubt, wählt den Brexit.

In den Niederlanden betrieben Geert Wilders und seine Helfershelfer eine Kampagne, die vordergründig auf die europäische Ukraine-Politik zielte, aber Europa ins Herz treffen soll. Es geht um den einen Bereich, in dem Europa in den vergangenen zwei Jahren eine überraschende Einigkeit gezeigt hat und an sich selbst gewachsen ist: die Russland- und Ukraine-Politik. Diesen Erfolg der Einigkeit will Wilders der EU nehmen.

Hier wird diffuser Europa-Hass zu konkreter Politik. Ein zweiter Bereich, in dem sich Europa nach peinlichen Querelen zu einer Position durchgerungen hat, ist die Flüchtlingspolitik. Das EU-Türkei-Abkommen vom März ist die erste Einigung der Europäer in einem neun Monate währenden quälenden Streit um die Flüchtlingspolitik. Die Orbánisten in der EU haben diese Einigung bis zur letzten Minute zu verhindern versucht. Sie haben dieser ihr Modell der Stacheldrahtzäune und EU-Kleinstaaterei entgegengestellt. Sie haben verloren – vorerst. Aber Orbán weiß, dass er noch eine Chance hat. Der Türkei-EU-Deal hat viele Fehler, er hat viele Risiken und kann in den Prozeduren und an der Zahl der Flüchtlinge scheitern. Orbán weiß das – und wartet ab.

Bricht der EU-Türkei-Deal zusammen, kommt Orbáns Stunde

Der ungarische Premier hat inzwischen unwahrscheinliche Verbündete bekommen. Auf Lesbos in Griechenland und überall in der EU laufen die Menschenrechtsorganisationen Sturm gegen den Deal, den sie als "unmenschlich" bezeichnen. Rechtsanwälte wollen den Deal unbedingt vor den Gerichten zu Fall bringen. Aktivisten in Griechenland rufen den Flüchtlingen zu, auf keinen Fall zu machen, was die griechischen Behörden und EU-Beamten von ihnen wollen. Ich hörte einige von ihnen in Griechenland, wie sie über die "menschenverachtende Politik der EU" herzogen. Sie raten allen Flüchtlingen, in Griechenland Asyl zu beantragen, obwohl die meisten gar nicht nach Griechenland wollen. Das Ziel ist offenbar, die griechischen Asylbehörden komplett zu überlasten – damit am Ende der Deal zusammenbricht. Die EU und damit die letzten Staaten der Welt, die überhaupt noch freiwillig Flüchtlinge aufnehmen – das ist nun auch ihr neuer Feind.

Natürlich sind die allermeisten Flüchtlingshelfer keine ideologischen Feinde der EU. Sie gehören nicht in einen Topf mit den EU-Skeptikern, die Europa schaden wollen, wo sie nur können. Die Helfer haben nur diese eine Agenda: den Flüchtlingen freie Bahn nach Europa bieten zu wollen. Doch ist diese Hoffnung vergebens, diese Wege sind von den Orbánisten längst versperrt. Die Helfer stehen mit diesem Ideal mittlerweile in einem hochverminten politischen Gelände. Viele Rechtspopulisten wünschen sich wieder einen Sommer des Flüchtlingsansturms, weil sie wissen, dass dann alle EU-Verabredungen zusammenbrechen und die Regierungen wieder panisch gegeneinander arbeiten werden. Menschenrechtsrechtsorganisationen können nicht mehr beanspruchen, bei dieser harten politischen Realität im rein humanitären Voluntarismus handeln zu können. Ihr Handeln hat Folgen, egal, wie gut das Motiv sein mag.

Der EU-Türkei-Deal ist ein typischer Brüsseler Kompromiss. Unfertig, fehlerhaft, unbefriedigend und verbesserungswürdig. Work in progress. Ganz ähnlich ist unser friedlicher, prosperierender Kontinent im Ganzen gebaut. Bricht dieser Deal zusammen, kommt Viktor Orbáns Stunde.