Syrer werden in Deutschland oft als Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive bezeichnet. Fast alle dürfen zumindest für eine bestimmte Zeit in Deutschland bleiben. Doch ihre Chance, als schutzbedürftig anerkannt zu werden, ist keinesfalls überall so hoch wie in Deutschland. In anderen europäischen Ländern sieht es für sie deutlich schlechter aus.

Von 580 Syrern, die im vergangenen Jahr in Italien Asyl beantragten, wurden beispielsweise nur 330 als Flüchtling anerkannt. Auch in Ungarn und Rumänien wurden lediglich 59 Prozent der Syrer anerkannt, wie aus Statistiken der EU-Statistikbehörde Eurostat hervorgeht. Auch Großbritannien belegt einen der Schlussplätze: Nur 86 Prozent der Syrer erhielten im vergangenen Jahr auf der britischen Insel einen Schutzstatus. Bei Asylsuchenden aus anderen Herkunftsländern gibt es ähnliche Unterschiede.

Bernd Mesovic von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl weiß, wie schwer es Asylbewerber in manchen Staaten haben. "In einigen osteuropäischen Staaten gibt es keine Verfahren, die den Namen Asylverfahren verdienen. In Bulgarien entscheiden die Behörden teilweise, ohne die Betroffenen anzuhören", sagt er ZEIT ONLINE. Die Behörden würden willkürlich irgendeinen Schutzstatus wählen und darauf setzen, dass die Flüchtlinge ohnehin in ein anderes Land weiterreisen. Das europäische Asylsystem sei für Asylbewerber wie die Teilnahme an einem Glücksspiel, kritisiert der stellvertretende Geschäftsführer von Pro Asyl.

Die uneinheitliche Anerkennung von Flüchtlingen zeigt, dass eine gemeinsame EU-Asylpolitik nicht erst an der Verteilung der Flüchtlinge innerhalb der EU scheitert. Probleme gibt es bereits einen Schritt zuvor: Es fehlen einheitliche Standards für Asylverfahren. Die Frage, in welchem Land ein Asylantrag bearbeitet wird, ist auch für Bürgerkriegsflüchtlinge somit eine Schicksalsfrage.

Asylrecht als Schutzlotterie

Asylexperten kritisieren die ungleichen Bleibechancen scharf.  "Die unterschiedlichen Anerkennungsquoten von Flüchtlingen in den EU-Mitgliedstaaten sind sehr bedenklich. Für Flüchtlinge ist es – je nachdem, in welchem Land sie einen Asylantrag stellen – nach wie vor eine Schutzlotterie", sagt die Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Christine Langenfeld, ZEIT ONLINE. Dies sei auch aus menschenrechtlicher Sicht problematisch. "Das Ziel, dass sich die Anerkennungsquoten für einzelne Herkunftsländer in der EU angleichen, wird nach wie vor verfehlt", sagt Langenfeld. Dies sei ein Hindernis für die Einführung eines dauerhaften Umverteilungsmechanismus zwischen den Mitgliedstaaten.

Die Europäische Kommission hatte Anfang April vorgeschlagen, dass langfristig die EU-Asylagentur EASO über Asylanträge entscheiden solle. Außerdem hatte die Kommission einen EU-weiten Verteilungsschlüssel für Asylsuchende ins Spiel gebracht. Bisher ist offiziell das EU-Land für das Asylverfahren zuständig, in dem der Schutzsuchende zum ersten Mal den Boden der EU betreten hat.

Umverteilung ist kaum umsetzbar

Doch die unterschiedliche Auslegung der Genfer Flüchtlingskonvention und anderer Rechtsakte stellt die geplante Umverteilung der Flüchtlinge infrage. Wie soll ein Flüchtling überzeugt werden, in ein Land zu gehen, von dem er weiß, dass seine Anerkennungschancen dort wesentlich schlechter sind als in anderen europäischen Ländern? Bei Staaten wie Ungarn und Bulgarien von Quoten für die Aufnahme von Flüchtlingen zu reden, sei absurd, findet Mesovic.

Der Flüchtlingsschutz muss europäisiert werden

Ausgerechnet das langjährige EU-Mitglied Großbritannien ist der Staat, an dem sich die gescheiterte EU-Asylpolitik besonders deutlich zeigen lässt: Bei Flüchtlingen aus Eritrea hatten die Briten im vergangenen Jahr mit 47 Prozent die niedrigste Anerkennungsquote unter allen EU-Staaten. Zum Vergleich: Im EU-Schnitt werden 90 Prozent der Eritreer als schutzbedürftig anerkannt. In Deutschland liegt die Rate bei 97 Prozent. Eritrea gilt wegen seiner brutalen Militärdiktatur als das Nordkorea Afrikas. Auch Iraker haben es auf der Insel schwer – in Großbritannien werden sie häufiger abgelehnt als in den anderen großen EU-Staaten.  Auch Afghanen werden relativ selten anerkannt.

Denn die Behörden und Gerichte in Großbritannien legen die Standards für die Anerkennung von Flüchtlingen enger aus als andere EU-Staaten. Außerdem dauern die Asylverfahren in Großbritannien sehr lange und haben für die Asylbewerber ungünstige Regelungen. So haben Betroffene in bestimmten Fällen nur zwei Werktage Zeit, um die Ablehnung ihres Asylantrags anzufechten. Auch die britische Flüchtlingshilfeorganisation Asylum Aid beklagt die "Flüchtlingslotterie".

Als Pakistaner wiederum sollte man versuchen, in ein anderes Land als Frankreich zu fliehen. Denn während EU-weit 27 Prozent der Pakistaner anerkannt werden, sind es in Frankreich nur sechs Prozent.

Nicht nur auf dem Papier

Migrationsexpertin Langenfeld sieht das Grundproblem darin, dass der Vollzug des gemeinsamen Europäischen Asylsystems in der Hand der Mitgliedstaaten liegt. "Die Mitgliedstaaten sind teilweise weder in der Lage noch bereit, die zum Teil komplexen Standards für den Flüchtlingsschutz umzusetzen", sagt sie. Nur eine weitere Europäisierung des Flüchtlingsschutzes könne das Problem lösen. "Die EU-Kommission muss weiter darauf dringen, dass die gemeinsamen Standards für die Anerkennung nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch nach gemeinsamen Grundsätzen vollzogen werden", fordert Langenfeld.

Schon heute gilt EU-weit die Genfer Flüchtlingskonvention. Sie regelt, dass Menschen, die wegen ihrer Religion, Rasse, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe verfolgt werden, als Flüchtlinge aufgenommen werden. Auch diejenigen Menschen, denen in ihrer Heimat Folter oder eine andere Gefahr für ihr Leben droht, dürfen gemäß der EU-Qualifikationsrichtlinie aus dem Jahr 2011 in Europa bleiben. Dies ist der sogenannte Anspruch auf subsidiären Schutz. Doch die Richtlinie allein hilft den Flüchtlingen nicht weiter. Bereits Reichskanzler Otto von Bismarck wusste: "Bei schlechten Beamten helfen selbst die besten Gesetze nichts."