Noch immer sitzen Tausende Flüchtlinge auf den griechischen Inseln fest. Allein auf Lesbos sind es inzwischen mehr als 3.500. Um ihre Abschiebung in die Türkei zu verhindern, haben die Flüchtlinge auf Lesbos und auf weiteren Inseln Asylanträge in Griechenland gestellt und stellen so die Behörden vor neue Probleme. Die griechische Asylbehörde verfügt nicht über ausreichend Personal, von den von der EU versprochenen Asyl- und Rechtsexperten sind erst 30 vor Ort. Basierend auf den Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) dürfte es so einige Monate dauern, um allein all die bislang gestellten Asylanträge zu bearbeiten.

So gehen sowohl die griechische Asylbehörde als auch die europäische Asylagentur davon aus, dass die zuständigen Beamten ab der kommenden Woche etwa 40 bis 50 Fälle pro Tag abschließen können. Allein für die Insel Lesbos bedeutet dies, dass es mindestens 12 Wochen dauern wird, bis die derzeit dort gestellten rund 3.100 Asylanträge bearbeitet sind – vorausgesetzt, die Mitarbeiter arbeiten sieben Tage die Woche, fallen nicht aus und lassen Asylanträge von neu ankommenden Flüchtlingen unberücksichtigt.

Selbst wenn die einzelnen Asylanträge in einem ersten Schritt schnell entschieden werden: Die Europäische Union hatte versprochen, dass sie auf Kollektivabschiebungen verzichten und jeden Fall einzeln prüfen will. Im Rahmen dieses Verfahrens haben die Flüchtlinge also auch die Möglichkeit, innerhalb von fünf Tagen Einspruch gegen ihren – womöglich negativen – Bescheid einzulegen. All diese Einsprüche müssen über ein Gericht in der Hauptstadt Athen laufen, was den Zeitplan der Behörden weiter verzögern dürfte. Die Flüchtlinge wiederum verzögern so ihre Abschiebung in die Türkei, sind aber zugleich in der Wahl ihres Rechtsbeistands arg eingeschränkt. Ihren Fall dürfen nur griechische Anwälte bearbeiten.

All dieser Probleme sind sich auch die griechischen Behörden bewusst und wollen sich so mit der zweiwöchigen Aussetzung der Abschiebungen etwas Luft verschaffen. Der für Europaangelegenheiten zuständige griechische Vize-Außenminister Nikos Xydakis sagte, es sei "übertrieben" gewesen, anzunehmen, binnen weniger Tage könnten die Rückführungen umfassend beginnen. Bislang wurden am Montag die ersten rund 200 Flüchtlinge zurück in die Türkei gebracht.

Deutsche Mitarbeiter unterstützen Griechen

Sieben deutsche Asylexperten haben inzwischen ihre Unterstützungsarbeit in Griechenland aufgenommen. Laut dem Aufbauleiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Heiko Werner, helfen sie derzeit in Lesbos bei der Bearbeitung von Asylanträgen – als Teil eines 30-köpfigen Teams aus mehreren EU-Staaten. Über Asylanträge entscheiden dürfen die deutschen Mitarbeiter nicht, sie helfen lediglich bei der Vorbereitung der Entscheidungen. Die Verfahren seien denen in Deutschland inzwischen sehr ähnlich, sagt Werner.

Wenn das Pilotprojekt auf Lesbos erfolgreich verlaufe, sollten auch auf den anderen vier griechischen Inseln mit Camps für neu ankommende Flüchtlinge Asylexperten aus Deutschland und anderen EU-Mitgliedsländern eingesetzt werden.

Werner sagte: "Die Kollegen, die hier ausgebildet werden, werden dann im Schneeballsystem auch dort entsprechende Stellen aufbauen." Die Personalrekrutierungen für weitere 30 Kollegen liefen gerade in Nürnberg. Bald sollen zudem zehn Dolmetscher aus Deutschland eintreffen.

Ultimatum an Flüchtlinge in Piräus

Derzeit sind etwa 52.000 Flüchtlinge in Griechenland gestrandet, weil Mazedonien und andere Balkanstaaten ihre Grenzen für sie geschlossen haben. Fast alle Migranten wollen weiter nach Mitteleuropa ziehen, campieren zu Tausenden in provisorischen Lagern und weigern sich, von dort in organisierte Auffanglager zu gehen. Nach Angaben von Reportern vor Ort hätten ihnen auch Aktivisten dazu geraten. Nur wenn die Welt ihr Elend sehe, hätten sie eine Chance, in anderen, reicheren EU-Ländern aufgenommen zu werden, soll ihnen gesagt worden sein.

Am größten Hafen des Landes in Piräus harren zurzeit rund 5.000 Menschen aus und haben von den griechischen Behörden nun ein Ultimatum gestellt bekommen. Sie hätten zwei Wochen Zeit, das Lager zu verlassen und in von der Armee errichtete Unterkünfte zu ziehen, hieß es seitens der Stadt. Falls die Menschen das Lager bis dahin nicht freiwillig verließen, werde es gewaltsam geräumt. Zuvor hatten Regierungsbeamte und Dolmetscher stundenlang versucht, die Menschen zum freiwilligen Umzug nach Nordgriechenland zu bewegen.

In Athen wiederum hat die Polizei Migranten daran gehindert, ein wildes Lager direkt vor dem Parlament zu errichten. Nach Angaben aus Polizeikreisen, nahmen Sicherheitskräfte am späten Mittwochabend im Zentrum der griechischen Hauptstadt rund 40 Flüchtlinge und andere Migranten vorübergehend fest. Hunderte andere Asylsuchende seien mit der Bahn nach Piräus zurückgeschickt worden.