Oben am Hügel über dem Hafen von Lesbos haben sie sich versammelt. Wie jeden Donnerstag seitdem alles begann. Im großzügigen Gebäude des Inselgou­ver­nats, wo die Wände in dezentem Rosé gestrichen sind und vor den Fenstern meterlang die beigen Gardinen hängen. Auf einfachen Stühlen sitzen knapp 50 Menschen. Portugiesen und Deutsche, Schottinnen und Schweizerinnen, Franzosen und Italienerinnen, Griechen. Diese Woche bleiben einige Plätze frei, das ist anders als bisher und deshalb sagt die Versammlungsleiterin, eine kleine, mütterliche Frau vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR: "Das ist ja richtig gemütlich heute." Da lacht der ganze Saal gemeinsam.

Es ist das Treffen der Verbliebenen. Jener freiwilligen Helfer aus der ganzen Welt, die noch nicht abgereist sind von der Insel Lesbos. Nicht zurück nach Hause und auch nicht weiter nach Idomeni oder Athen, zu den anderen prominenten Schauplätzen der europäischen Flüchtlingskrise in Griechenland.

In den vergangenen Monaten wurde hier auf dieser Insel in der östlichen Ägäis mitten in der europäischen Flüchtlingskrise eine einzigartige Gemeinschaft geboren, eine andere europäische Wertegemeinschaft: die Union der Flüchtlingshelfer. Ihre Mitglieder schwärmen jetzt aus in den Rest des Landes, ihre Gemeinschaft erstreckt sich über Griechenland und eigentlich über den ganzen Kontinent. Und um zu verstehen, was da entstanden ist, warum es nötig war und was nun daraus wird, ist Lesbos, wo alles angefangen hat, noch immer der beste Ort.

Wie viele Helfer insgesamt auf der Insel waren, kann niemand sagen. Viele Tausend sicherlich. Fast alle erzählen sie ihre Geschichte gleich. Dass sie nur kamen, um alles mit eigenen Augen zu sehen. Wie sie dann nicht anders konnten, als zu helfen. Und damit einfach nicht mehr aufhörten. Boote aus dem Wasser ziehen, schlotternde Kleinkinder in Decken wickeln, Menschen vor dem Ertrinken retten und dann aufwärmen, ihnen Essen geben und später ein paar Antworten und ein wenig Freude.

Fast 600.000 Menschen sind auf den kleinen Booten der Menschenschleuser seit vergangenem Jahr auf Lesbos angekommen, auf ihrem Weg nach Europa. Zurückgelassen haben sie nur ihre Schwimmwesten. Oben im Norden der Insel, neben dem malerischen Ort Molyvos, türmen sie sich noch auf zu hohen, orangenen Bergen. Die Einheimischen erzählen, dass jede Woche Lkw etwas von den Bergen abtragen, doch es müssen noch immer Zehntausende sein, wenn nicht Hunderttausende.

Flüchtlinge - Der sogenannte Schwimmwestenfriedhof auf Lesbos ZEIT-ONLINE-Reporter Lenz Jacobsen ist seit einigen Tagen auf der griechischen Insel Lesbos, wo rund 3.500 Flüchtlinge versuchen, ihre Abschiebung in die Türkei zu verhindern. Viele kamen mit Schwimmwesten, die nun auf einer großen Halde liegen.

"Sie durften unsere Hilfe nicht brauchen"

Ayesha Keller kam im November nach Lesbos. Die Schottin hatte gerade zwei Jahre in der Schweiz gearbeitet, im Bereich Sales and Business Development, nun hatte sie genug Geld und wollte für ein paar Wochen "etwas Sinnvolles" tun. Als Keller dann die über 3.000 Menschen sah, die rund um das längst überfüllte Lager Moria im Schlamm schliefen, ohne Zelte, und ohne Essen und Ärzte sowieso, wurden aus den paar Wochen Monate. Nur über Weihnachten war sie kurz zu Hause, ansonsten half sie, das Camp Better days for Moria aufzubauen. Einfach, weil es nötig war.

"Offiziell durfte es uns nicht geben", erzählt sie. "Denn das hätte ja bedeutet, dass die Behörden hätten zugeben müssen, dass sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Sie durften unsere Hilfe eigentlich nicht brauchen." Sie haben also inoffiziell jeden Tag Klamotten und Essen in das eigentliche Lager Moria gebracht und wenn dort jemand krank war, kam er oder sie nach draußen zu den Freiwilligen, denn dort gab es, anders als im offiziellen Lager, ein 24-Stunden-Krankenzelt.

Ayesha Keller sitzt auf einer kleinen bunten Bank. Im Infozelt hinter ihr hängen noch die großen Whiteboards mit den angeschriebenen Dienstplänen: Küche, Klamottenausgabe, Zeltvergabe, Infrastruktur. 30 bis 50 Menschen insgesamt pro Schicht, drei Schichten zu acht Stunden, also bis zu 150 Freiwillige in 24 Stunden.

Es gibt eine riesige WhatsApp-Gruppe für Helfer auf der Insel, eine detaillierte Onlinehilfe mit Antworten auf alle wichtigen Fragen und neben dem donnerstäglichen Treffen weitere Untergruppen für die Koordination: zu den verschiedenen Küstenabschnitten, zur Essensverteilung, zur Betreuung der Kinder, zur Hygiene und der Zusammenarbeit mit den Anwohnern auf der Insel.

Überhaupt, die Anwohner. Nach den Monaten des Ausnahmezustands ist die Stimmung auf der Insel bemerkenswert gelassen. Durch die vollen Cafés laufen abends noch immer die bettelnden Flüchtlingskinder, noch immer gibt ihnen irgendwer einen Apfel, einen Euro oder ein Stück von seiner Pizza, noch immer schieben die Kellner sie erst nach ein, zwei Minuten hinaus. Bestimmt, aber freundlich.