Es war am Mittag des 3. August 2014, als das Leben, wie Ilham es kannte, endete. Sie war bei ihrer Familie in ihrem Heimatdorf Hardan nahe des Sindschar-Gebirges, als die Nachbarn die Warnung überbrachten. Der IS würde bald in die jesidischen Dörfer kommen, sie alle sollten besser aus der Gegend verschwinden. Doch als Ilhams Familie fliehen wollte, kamen die IS-Kämpfer. Sie trennten die Frauen von den Männern, packten die jungen Mädchen und verluden sie in Busse. Auch Ilham. Drei Monate dauerte ihr Martyrium in IS-Gefangenschaft.

Ilham Kharo Haje, 19 Jahre, Sporthose, Sandalen, pinkfarbenes Shirt, sitzt im Schneidersitz auf einer schmalen Matratze auf dem Boden und knetet ihre Hände. "Der IS hat mir alles genommen", sagt sie. "Meine Schwester ist noch in Gefangenschaft, der Rest der Familie verschollen." Seit ihr im Winter 2014 die Flucht gelang, wohnt Ilham mit anderen vertriebenen Frauen in einem kleinen Haus in der Ortschaft Baadre in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak.

Knapp 50 Kilometer sind es von hier bis zur syrischen Grenze, knapp 50 zur Türkei. Die IS-Hochburg Mossul liegt 70 Kilometer im Süden. Dort versucht derzeit ein Bündnis von irakischer Armee, kurdischen Peschmerga und den Alliierten den IS zu vertreiben. Nur 26 Kilometer sind es von Baadre bis zur Front. 

Ilham gehört zu den rund 400.000 Jesiden, die vor dem IS geflohen sind, die meisten ins Autonome Kurdengebiet. Die Jesiden sind unter den mehrheitlich muslimischen Kurden eine religiöse Minderheit. Auch sie sind Kurden, aber nicht zum Islam konvertiert, sondern sie haben ihre Jahrtausende alte Religion bewahrt. Die Dschihadisten betrachten sie als Teufelsanbeter und begannen im August 2014 einen Feldzug gegen sie: Sie ermordeten Zehntausende jesidische Männer, verschleppten, versklavten und misshandelten Tausende Kinder und Frauen. Viele Jesidinnen werden vermisst; nicht alle können wie Ilham fliehen.

Ilham wurde erst westlich von Mossul nach Tal Afar gebracht. Dort wurde sie zusammen mit anderen Mädchen in eine leerstehende Schule eingeschlossen. Jede Nacht riefen die IS-Führer die Namen der Mädchen auf, die sie missbrauchen wollten. Auch Ilhams Name wurde gerufen. Sie wurde mit sechs anderen Mädchen in einem anderen Haus mit etwas Wasser und Brot in ein Zimmer gesperrt. Einige der Mädchen waren erst 12 Jahre alt, Ilham war 17. Es gab zwei IS-Führer, sagt sie, die die Mädchen unter sich aufteilten. Sie holten die Mädchen immer wieder aus dem Zimmer, um sie zu vergewaltigten. Drei Mal hat sie versucht, sich mit einem Pullover zu erhängen. Aber sie hat es nicht geschafft. 

Nach einer Woche brachte man sie nach Mossul. Ein Mann, der sich Scheich Abdullah nannte, nahm sie zu sich. Wieder wurde sie in ein Zimmer eingesperrt, mit zwei anderen Mädchen. Zweimal versuchte Ilham zu entkommen. Als die Zimmertür kurz offen stand, schlich sie aus dem Haus. Sie lief durch die Straßen, klopfte an Türen, bat um Hilfe. Zweimal brachten Familienväter sie zurück zu Scheich Abdullah, weil sie fanden, ihm stehe die Beute zu, wie Ilham sagt. Zur Strafe kettete er Ilham tagelang mit Handschellen an die Wand. Der dritte Fluchtversuch gelang. Eine Familie nahm sie auf und half ihr, ihren Onkel in Baadre zu kontaktieren. Sie gab ihr einen Ausweis, in dem stand, sie sei eine Sunnitin aus Mossul. Damit kletterte sie aufs Hausdach und rannte über die Dächer aus der Stadt hinaus. Sie floh erst nach Kirkuk, dann nach Baadre.

In Baadre wohnen neben den etwa 14.000 Einwohnern rund 8.000 vom IS vertriebene Jesiden und es kommen immer neue hinzu. Die meisten von ihnen leben in prekären Verhältnissen, viele in den notdürftigen Zelten der Flüchtlingslager.

So wie die 17-jährige Parwin Rashid, die im Camp Essian lebt, wenige Minuten Autofahrt von Ilhams Haus entfernt. Von ihren 44 Familienangehörigen seien nur drei dem IS entkommen, sagt sie. Sie selbst kam zu einem IS-Kämpfer in ein Dorf nahe Mossul. Er habe erst aufgehört, sie zu vergewaltigen, als sie schwanger war. Weil sie das Kind nicht wollte, versuchte sie sich vom Haus zu stürzen. Doch der Dschihadist entdeckte sie. Er würgte sie und drohte ihr. Nach vier Monaten gelang ihr die Flucht. Seit Mitte Dezember 2014 lebt sie im Camp. Dort teilt sie mit acht Leuten ein Zelt, eine provisorische Küche und ein WC. Die Enge belastet sie, sagt sie.

Während die Menschen in den Camps durch die ausländischen Hilfsorganisationen mit dem Wichtigsten versorgt werden, ist es für jene, die außerhalb der Lager leben, schwieriger. Etwa 85 Prozent der Flüchtlinge und Vertriebenen leben laut UNHCR außerhalb der offiziellen Lager. Sie suchen Schutz in Zelten, unfertigen Häusern, Garagen oder Mietwohnungen, oft haben sie kaum Geld. Wer kann, sucht Arbeit als Hilfskraft in Läden oder Restaurants, als Lagerarbeiter oder als Taxifahrer. Doch die vielen neu ankommenden Menschen belasten den lokalen Arbeitsmarkt, Unterkunfts- und Benzinpreise steigen.