Abdelhadi liegt in einem kleinen, blauen Campingzelt. Er ist hager, hat dichte schwarze Wimpern und ein sanftes Gesicht. Im Zelt riecht es streng, Abdelhadi hat nicht geduscht, seitdem sein Bruder ihn hier auf dem Boden abgelegt hat. Denn eine Dusche gibt es nicht. Und Abdelhadi kann nicht gehen. Ein Granatsplitter hat ihn in Syrien am Rücken verletzt. "Mein größter Wunsch ist, dass ich bald wieder laufen kann. Nicht für mich, sondern nur, um meine Familie zu entlasten." Eine Fliege setzt sich auf sein verwundetes Bein. Abdelhadi wird seine Beine nie wieder bewegen können. Doch noch hat ihm das keiner erzählt.

Seit sechs Wochen lebt Abdelhadi im BP-Camp. BP-Camp, weil es direkt an einer BP-Tankstelle liegt. An der Hauptstraße, die vorbei an menschenleerer Natur nach Idomeni führt. Hinter der Tankstelle beginnt der Wald. Dort haben etwa zweihundert Menschen ihre bunten Zelte aufgestellt. Unter Ästen, an denen bunte Kinderkleidung hängt. Und in Ruinen, deren Wände mit Graffiti beschmiert sind. Sie haben sich zurückgezogen, in das Camp, das auch "The Forest" genannt wird. Denn hier sei es ruhiger als im riesigen Lager an der mazedonischen Grenze. Und hier sei man freier als in den offiziellen Camps der griechischen Regierung.

Toiletten haben sie nicht. Auch keine Elektrizität. Doch der Tankstellenbesitzer lässt sie eine Steckdose auf seinem Platz benutzen. Der Tankstellenbesitzer kann sich überhaupt glücklich schätzen. Denn der Hof vor seinem Laden ist blitzblank. Während er hinter seinem Tresen Zeitung liest, spielen Kinder vor seinem Laden Fußball, döst ein junger Mann auf der Holzbank neben dem Eingang, waschen Männer ihre Köpfe unter den drei Wasserhähnen, deren Benutzung er ihnen gewährt hat. Betritt man den Laden, findet man mit Keksen gefüllte Regale und mit Erfrischungsgetränken gefüllte Kühlschränke. "Der Kaffee schmeckt gut", ruft der Grieche in gebrochenem Deutsch. Nichts weist darauf hin, dass seine Tankstelle sich im Zentrum eines Flüchtlingscamps befindet. Nichts, bis auf die Stille im Laden. Vielleicht verirrt sich einfach selten ein Kunde an die mazedonische Grenze. Vielleicht herrscht aber auch Furcht vor den Bewohnern des Waldes.

Die sitzen hinter der Tankstelle um viele kleine Lagerfeuer. Auf Plastikstühlen warten sie auf Gott, auf Europa, auf ein paar Ehrenamtliche, die Waschmittel und Zucker vorbeibringen. "Komm setz dich und trink einen Tee mit uns." Durch die Rauchwolken laufen lachende Kinder. Ein kleiner Junge präsentiert stolz eine tote Schlange.

Verlässt man das BP-Camp über die unbefahrene Hauptstraße steht man oberhalb des Kaoil-Camps. Kaoil, das ist die Tankstelle gegenüber. Und der Tankwart hier ist noch großzügiger. Er lässt die Flüchtlinge auf der Tankfläche Zelten. Ein paar Eigenbrötler haben ihre Lager dennoch auf der angrenzenden Wiese aufgeschlagen. So wie Mesut. Sechs Jahre lang hat er in Dortmund auf dem Bau gearbeitet. Bis seine Mutter krank wurde und er nach Syrien flog. Als sie starb, begann der Krieg. Mesut wurde angeschossen und kam in den Knast, erzählt er im gebrochenen Ruhrdeutsch, während er mit der rechten Hand die Einschusswunde neben seinem Bauchnabel entblößt. Er kam raus, packte seine Geschwister und machte sich auf den Weg. Doch die Reise nach Dortmund endete in Idomeni. Jetzt steht er mit einem Kochlöffel vor einer improvisierten Kochstelle. Es gibt Lamm mit Reis und Gemüse, während hinter den griechischen Bergen die Sonne untergeht.

An sanften Hügeln vorbei führt die Landstraße bald nach Idomeni. Hier gibt es weder Hügel, noch Bäume. Nur den langen Stacheldrahtzaun, der bedrohlich aus der saftgrünen Wiese emporragt. Und eine endlose Weite, auf der Tausende von Menschen ihre Lager aufgebaut haben. "Wenn ich durch den Zaun hindurch die Felder auf der anderen Seite sehe, dann gibt mir das Hoffnung", sagt ein junger Mann. Deswegen harre er noch immer hier aus. Denn Hoffnung, das ist alles, was den Bewohnern von Idomeni geblieben ist.

Es ist der nächste Morgen, Frühstückszeit. "Kaffee, Tee, Kaffee, Tee"! Schließt man die Augen, könnte man meinen, man befände sich auf einem nahöstlichen Markt. Öffnet man sie, sieht man einen jungen Mann an einem Gitterzaun vorbeigehen. Hinter den Metallstangen stehen Menschen und warten darauf, dass Mitarbeiter der Vereinten Nationen ihnen Essen austeilen. Der Mann mit den Thermoskannen geht zügig an ihnen vorbei. Einen Kaffee kauft von ihm keiner.

Flüchtlinge am Falafelstand in Idomeni © Alena Jabarine

Manchmal reicht das Essen nicht für alle, erzählen die Bewohner. Zum Glück gibt es daher einen Falafelstand. Drei Jungs haben ihn vor dem stillgelegten Güterzug errichtet, aus dessen Fenster neugierige Kinder blicken. Der Linke viertelt Tomaten, der Mittlere schneidet Zwiebeln, der Rechte presst die Kichererbsen zu kleinen Kugeln und badet sie in Öl. "Die besten Falafel kommen aus Syrien", sagt der in der Mitte und präsentiert stolz ein frittiertes Bällchen.

An der Hauptstraße des Camps haben Menschen liebevoll Türme aus ihren Waren gebaut. Sie verkaufen Thunfischdosen, Fertigcappuccino, Taschenlampen. "Eier gehen am besten", erzählt Mustafa. Heute stehen sie bei 26 Grad in der prallen Sonne. In Syrien war Mustafa Elektriker, hier hat er mit einem Freund diese Firma gegründet, wie er es nennt. Mit einem Startkapital von je 50 Euro zogen sie ins nahe gelegene Dorf Polykastro und kauften all das, was man an der Grenze zu Mazedonien zum Überleben braucht. Doch das Geschäft läuft nur schleppend, sagt Mustafa, denn die Menschen in Idomeni haben kein Geld. Und wer welches hätte, der sei schon längst mit einem Schleuser auf dem Weg nach Europa. Mustafa zieht an seiner Zigarette. Er hat wohl vergessen, dass er selbst sich bereits in Europa befindet.