Der Konflikt zwischen Italien und Ägypten eskaliert und könnte sich zu einer bisher beispiellosen Konfrontation zwischen einem EU-Land und dem nordafrikanischen Staat auswachsen. Am Freitagabend beorderte Roms Regierung ihren Botschafter aus Kairo zurück. Man wolle mit Maurizio Massari über das weitere angemessene Vorgehen beraten, teilte das italienische Außenministerium mit. Es müsse sichergestellt werden, dass die Wahrheit über den "barbarischen Mord" an dem 28-jährigen Doktoranden Giulio Regeni ans Licht komme. Premierminister Matteo Renzi erklärte, das sei man der Familie des Toten und der Würde der eigenen Nation schuldig.

Westliche Diplomaten und ägyptische Menschenrechtler vermuten, dass Geheimdienstler den am 25. Januar verschwundenen Wissenschaftler zu Tode quälten und das Regime nun mit allen Mitteln versucht, den Fall zu vertuschen. Laut Obduktionsbericht wurde Regeni, dessen Leiche neun Tage später halbnackt in einem Autobahngraben nahe der Hauptstadt gefunden wurde, furchtbar misshandelt. Die Mörder schnitten ihm die Ohren ab, drückten brennende Zigaretten auf seiner Haut aus, rissen ihm Finger- und Fußnägel heraus, traktierten seine Genitalien mit Elektroschocks und brachen ihm Rippen, Beine und Schultern. Italiens Innenminister Angelino Alfano zeigte sich schockiert, er sprach von "unmenschlicher und animalischer Gewalt".

Die Ermittlungen und Stellungnahmen in dem Fall sind eine Farce, Rom fühlt sich von Kairo auf den Arm genommen. Bisher präsentierte die ägyptische Seite sechs verschiedene Versionen des Verbrechens, angefangen von einem Autounfall, über eine Terrortat bis zu einem Eifersuchtsdrama unter Homosexuellen. Das Fass zum Überlaufen brachte die bisher letzte Erklärung kurz vor Ostern, als das Innenministerium bekannt gab, man habe als Täter vier Mitglieder einer Bande ermittelt und erschossen, die – als Polizisten verkleidet – auf die Entführung von Ausländern spezialisiert gewesen seien. In der Wohnung der Schwester des angeblichen Bandenchefs seien persönliche Gegenstände von Giulio Regeni sichergestellt worden.

Empört drohten italienische Spitzenpolitiker mit harten Konsequenzen, sollte diese Vernebelung so weitergehen und Regenis Schicksal nicht vollständig aufgeklärt werden. Italien erwägt unter anderem, Ägypten offiziell zu einem unsicheren Reiseland zu erklären, seine Wirtschaftsbeziehungen zu drosseln sowie andere EU-Partner zu einer schärferen Gangart zu drängen. Rom ist neben Berlin der wichtigste Handelspartner für die 90-Millionen-Nation am Nil. Erst kürzlich bekam der italienische Energiekonzern ENI die Lizenz aus Kairo, das vor der ägyptischen Küste liegende gigantische Gasfeld Zohr auszubeuten.

Italiens Entscheidung zur diplomatischen Eskalation fiel, nachdem sich eine Delegation hochrangiger ägyptischer Staatsanwälte und Ermittler bei einem Treffen am Donnerstag und Freitag erneut weigerte, seit Wochen gefordertes Beweismaterial zu übergeben. Zurückgehalten werden vor allem die Handydaten des Ermordeten sowie Videoaufnahmen aus der Straße, in der er wohnte, und aus der Metrostation Behoos, wo er zuletzt gesehen wurde.

Zusätzliche Brisanz bekommt der Fall durch eine anonyme Mail, die aus offenbar gut informierten Sicherheitskreisen Ägyptens an die italienische Zeitung Il Repubblica ging. Darin behauptet der Unbekannte, der auch eine Reihe von internen Detailkenntnissen des Falles preisgab, Präsident Abdel Fattah al-Sissi und Innenminister Magdy Abdel Ghaffar seien persönlich in den Fall verwickelt. Beide hätten sich in einem Krisentreffen mit den Spitzen von Staatssicherheit und Militärgeheimdienst darauf verständigt, den Mord als gewöhnliches Verbrechen darzustellen.

Das vergiftete Klima zwischen den beiden Staaten könnte sich auch auf andere europäische Länder wie Frankreich und Deutschland auswirken, die mit Ägypten ins Geschäft kommen wollen – trotz der dortigen miserablen Menschenrechtslage. Nach Informationen von lokalen Bürgerrechtlern sind allein in den letzten acht Monaten 533 politische Aktivisten von Sicherheitskräften entführt worden. Von 396 fehlt nach wie vor jede Spur.

Am 18. April reist der französische Präsident François Hollande nach Kairo, wo Frankreich in letzter Zeit eine Reihe lukrativer Waffengeschäfte abgeschlossen hat. Auch der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat sich mit einer großen Delegation von Geschäftsleuten angesagt. Ob Paris und Berlin diese für Präsident Al-Sissi prestigeträchtigen Staatsbesuche aus Solidarität mit Italien absagt oder verschiebt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.